Mittlerweile fühlten wir uns schon wie alte Transsib-Hasen und der gleiche Ablauf wiederholte sich ja auch immer wieder: Pass- und Ticketkontrolle, einsteigen, erneute Pass- und Ticketkontrolle, Bettwäsche empfangen und Bett herrichten. Diesmal hatten wir keine durchgängigen Reisebegleiter, sondern wechselnde Bekanntschaften. Zwei junge Russinnen, von denen eine ganz interessiert an uns und unserer Herkunft war, die Andere gefühlte 6 Stunden kerzengerade und ohne sich anzulehnen auf ihrem Platz saß und stur geradeaus schaute. Erst als das Licht im Zug gedimmt wurde holte sie ein Buch hervor und begann zu lesen ... irgendwie schräg.

Auf halber Strecke wechselten unsere Sitznachbarn zu einem starken Schnarcher und einer ruhigen Frau. Auf der Bank gegenüber saß uns noch ein Russe mittleren Alters, der eigentlich das obere Bett längs des Ganges hatte. Wenn das untere Bett unter dem eigenen aber belegt ist, so ist es Sitte, dass man sich auch woanders dazu setzen kann. Bei einem längeren Zwischenhalt beobachteten wir viele (wahrscheinlich illegale aber geduldete) Straßenverkäufer, die allerlei Selbstgepflücktes und Gekochtes anboten. Etwas unsicher verzichteten wir darauf. Als der Zug wieder rollte überraschte uns der letztgenannte Mitfahrer mit einem „Present“, das er für sich und uns von einem der Händler gekauft hatte. Ein fischig riechender Pancake, wahrscheinlich aus Ei und Kaviar gebacken. Sehr lecker und da eh der ganze Waggon mittlerweile danach roch wussten wir wenigstens woher es kam. Etwas unsicher waren wir, als der gute Mann uns noch 3 weitere der lustigen Flatschen hinschob. Waren es weitere Geschenke oder nur eine nette Geste im Sinne von: Bedient euch, wenn ihr mehr wollt. Leider war er irgendwo im Zug verschwunden und selbst wenn nicht: Wie hätte man das erfragen sollen? Als wir ausstiegen ließen wir die eingetüteten Leckerlies an Ort und Stelle liegen, waren uns aber sicher, dass wir vielleicht gerade sehr unhöflich Gastgeschenke ausgeschlagen hatten. Doch zu diesem Zeitpunkt waren wir eher glücklich ein ganz anderes Problem gelöst zu haben.

Eine Stunde vor Ankunft mit der Transsib stornierte Airbnb unsere Unterkunft: Wir sind wohl einem „unseriösem Angebot“ auf den Leim gegangen. Immerhin besser als plötzlich vor verschlossener Tür oder gar keiner Tür zu stehen. Also nutzten Eva und ich die aufflackernden Internetverbindungen der letzten kurzen Haltestellen um eine andere Unterkunft zu buchen. Problematisch ist das grundsätzlich nicht, aber die Kurzfristigkeit unserer Anfrage könnte dabei wenig hilfreich sein. Wir entschieden uns diesmal etwas mehr Geld zu bezahlen und mieteten für die 3 Tage ein Privatappartement für 22€ die Nacht. Eine sehr sinnvolle Investition wie sich herausstellen sollte, da die Wohnung modern und wohnlich eingerichtet war und wir auch mal wieder private Zeit zu zweit genießen konnten. Dass mir dabei zuerst in den Sinn kam endlich in Ruhe die Bilder unserer Ausrüstung zu vervollständigen sollte mir Eva die nächsten Tage noch vorhalten.

Novosibirsk ist groß, größer als erwartet. Wie Jekaterinburg leben hier ebenfalls fast 1,5 Millionen Einwohner. Die ehemalige Sowjetunion kann man hier sowohl an den Wohnhäusern als auch an Autos und Straßenbahnen spüren. Eine super funktionierende U-Bahn hat aber auch diese Stadt. Übrigens kostet es hier mehr auf die Toilette zu gehen (zumindest am Bahnhof 25 Rubel) als unbeschränkt, so lange man lustig ist mit der U-Bahn zu fahren (22 Rubel – 30 Cent). Davon kann sich Leipzig noch einiges abschauen. Viele Touristen sind enttäuscht von der relativ neuen Industriestadt und so richtig verdenken kann man es ihnen auch nicht. Es gibt in Novosibirsk kaum Sehenswürdigkeiten, diese beschränken sich auf ein paar wenige Statuen (Lenin, na Logo) und Gebäude (den sehr schönen Bahnhof hatten wir bei der Ankunft ja bereits gesehen). Da wir eh nicht so die „Von-Kirche-Zu-Denkmal“-Touristen sind entschieden wir uns hier mal in den Zoo zu gehen, ein interaktives Museum und einen Rummel zu besuchen. Also eher Dinge, die wir auch bei uns bei schönem Wetter unternehmen würden. Manch einer wundert sich vielleicht, dass wir bisher sehr wenig über das Wetter berichteten. Großspurig meinten wir noch vor Reiseantritt, dass für uns jetzt ein Jahr lang Sommer wäre. Bereits Moskau holte uns aber auf den Boden der Tatsachen zurück, es regnete häufig und war eher kühl als sommerlich warm. Erst hier in Novosibirsk hatten wir endlich mal angenehme 23°C bei leichtem Wind, perfekt für kurze Hose und Flip-Flops.

Der Zoo von Novosibirsk ist wirklich schön, gerade wenn man Eintrittspreis von knapp 4€ berücksichtigt. Ob die Tiere das genauso sehen sei mal dahin gestellt. Neben den „Klassikern“ sahen wir hier weiße Tiger, riesige Seeadler und Unmengen verschiedener kleiner Raubkatzen, die man sonst eher nicht zu Gesicht bekommt. Trotzdem hatten wir öfter das Gefühl selbst die exotischsten Lebewesen im Zoo zu sein. Jedesmal, wenn wir uns deutsch unterhielten konnte man aus dem Augenwinkel die Blicke der Umstehenden beobachten. Suchten wir dann den Blickkontakt schnellte der Kopf meist wieder direkt auf den Boden. Wir wussten mittlerweile, dass es nicht die Unhöflichkeit der Menschen war, sondern eher die Unsicherheit, wie sie mit uns umgehen sollten. Es war immer wieder erheiternd in ein Restaurant zu gehen, von einem Mitarbeiter freudestrahlend empfangen zu werden und dabei zuzusehen, wie nach unserer kurzen englischen Begrüßung die Farbe aus dessen Gesicht verschwindet. Genauso schnell wie das Lächeln verschwand meist auch der Mitarbeiter und schickte einen anderen armen Tropf vor (der wahrscheinlich in seiner Bewerbung Sprachkenntnisse vorgelogen hatte) um sich um uns zu kümmern. Wir versuchten dabei aber auch „unkomplizierte“ Gäste zu sein: Wir sprechen kaum ganze Sätze sondern reihen nur Bezeichnungen und Mengenangaben aneinander, zeigen auf das Gewünschte, fordern keine komplizierten Erklärungen der Speisen und finden meist die Toilette von allein. In Novosibirsk waren wir das erste Mal auf unserer Reise etwas teurer Essen, immer noch unter 50€ für zwei mal 3-Gänge und diverse Getränke aber eben teurer als sonst. Ach und: Ja ... wir fotografieren unser Essen (wenn keiner hinguckt wink)

Die Stadt wollten wir aber natürlich trotzdem etwas kennenlernen, ließen die U-Bahn an einem Tag außen vor und unternahmen dafür einen seeehr langen Spaziergang von unserer Wohnung zur Innenstadt. Gefühlt anderthalb Stunden ging es entlang einer viel befahrenen, stickigen Straße über den Fluss Ob. Eine bessere Aussicht verhagelte uns etwas die U-Bahn, die an dieser Stelle genau in Sichtweite ebenfalls den Fluss überquerte. Trotzdem war es spannend den Großteil der Stadt mit den teilweise noch sehr sozialistischen Wohnblöcken langsam auf sich zukommen zu sehen. Überhaupt sind die Hinterhöfe eh das Spannendste in manchen Städten. Google Maps ist dabei ja gnadenlos und jagt einen bei der Routenfindung durch jede noch so dunkle Gasse.

Was es sonst noch gab? Ein Riesenrad, ein lustiges Eis im Maisschlauch, fast auf ewig gefangen im Spiegellabyrinth und Burgeressen mit Handschuhen ... das hat Stil.

Der Zug nach Irkutsk startete diesmal kurz vor Mitternacht. Wir richteten uns bei Subway häuslich ein und warteten die restlichen Stunden in der pompösen Wartehalle im Bahnhofsgebäude. Pünktlich wie immer ging's los Richtung Baikalsee. Diesmal nun wirklich eine etwas kleinere Stadt. Außerdem planten wir hier den ersten Tagesabschnitt des Great Baikal Trails zu laufen ... nach all den Städten endlich mal Natur.

Übrigens: Unsere Karte oben im Blog ist natürlich meistens nicht synchron mit den Berichten, mit denen wir immer etwas hinterher hängen, sondern sollte halbwegs unseren aktuellen Aufenthaltsort darstellen.

Kommentare   

+1 #2 Super User 2019-08-28 16:13
zitiere Sebastian Nebe:
:lol: es macht echt Spaß eure Berichte zu lesen. Hochachtung. Ich würde mit meinen Berichten vermutlich deutlich weiter hinterher hängen. Und von Webseiten hab ich auch keine Ahnung. Aber ist euch aufgefallen, dass zurück klicken muss um weiter zu kommen und mit "weiter" geht's zurück. Ist mir als gutem Beamten sofort aufgefallen ;-)
Weiterhin gute Reise!!!

Hmm, schon interessant :o Aber was soll's ... man muss hier halt auch ein bisschen querdenken
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0 #1 Sebastian Nebe 2019-08-23 16:22
:lol: es macht echt Spaß eure Berichte zu lesen. Hochachtung. Ich würde mit meinen Berichten vermutlich deutlich weiter hinterher hängen. Und von Webseiten hab ich auch keine Ahnung. Aber ist euch aufgefallen, dass zurück klicken muss um weiter zu kommen und mit "weiter" geht's zurück. Ist mir als gutem Beamten sofort aufgefallen ;-)
Weiterhin gute Reise!!!
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