Im Gegensatz zu den bisherigen Transsibfahrten hatten wir dieses Mal die zweite statt der dritten Klasse gebucht. Dadurch gab es zumindest etwas Abwechslung, da wir nun ein luxuriöses Viererabteil bezogen. Schmarrn, eigentlich gab es keine großen Unterschiede zur 3. Klasse. Die Betten schienen etwas länger, da es längs des Ganges keine Betten mehr gab. Und man konnte seine Vierkabine verschließen, ob das ein Vor- oder Nachteil ist hängt stark von den Mitfahrern ab. Da der Zug der bisher älteste war mit dem wir reisten müssen wir nun doch nochmal ein Klischee aus der  Mottenkiste kramen: auf die wenigen Steckdosen im Gang stürzte sich tatsächlich alles, was in irgendeiner Weise Strom benötigte. Der Gang entwickelte sich zu einem einzigen großen Kabelkanal, da die Insider natürlich ihre Verteilerdosen bis in das eigene Abteil verlegten.

Nach zwei Nächten sind wir endlich in Irkutsk angekommen umringt von einer Meute Taxifahrer. Irgendwie Schade, dass penetrante Taxifahrer meist den ersten Eindruck prägen, den man von den Menschen erhält, wenn man per Bahn oder Flugzeug anreist. Da wir mittlerweile Experten im russischen öffentlichen Nahverkehr waren verzichteten wir Mal wieder darauf und vertrauten unseren Apps und unserer Vorbildung auf ein paar wirklich guten Webseiten. Die Tram 1 sollte uns zum Hostel in der Stadt bringen. 15 Rubel die hier von einem Schaffner während der Fahrt kassiert werden. Soweit so plausibel, nur wo war die Haltestelle. Der Platz vor dem Bahnhof war so eine Mischung aus Straße, Parkplatz und Fußweg … nur ohne Linien. Immerhin gab es Gleise, die Tram konnte sich also nicht vor uns verstecken. Nach ein paar Metern Fußmarsch in eine beliebige Richtung hielt tatsächlich direkt vor dem Bahnhofsgebäude eine Straßenbahn … mitten auf der Straße, dem Parkplatz, dem Irgendwas. Also wieder zurück gedackelt. Erst später sahen wir genau an dieser Stelle an der Oberleitung ein kleines Schildchen mit einem großen "T" baumeln, Wartehäuschen gibt’s hier anscheinend nicht immer. Meine Bemerkung, dass ich das auf einer der besagten, sehr guten Websites bereits mal gelesen hätte strafte Eva mit einem "Hrmpf" ab. Überhaupt hat man das Gefühl, dass, je weiter östlich man reist, der öffentliche Nahverkehr immer undurchsichtiger, chaotischer und für Touristen nahezu unbrauchbar wird. Nirgends hängen Fahrpläne oder überhaupt Mal eine Information ob nun Tram, Bus, Trolleybus oder Minibus fährt. Natürlich ist das nur unsere Nicht-Russisch-Sprechende Sichtweise. Für alle anderen ist das alles bestimmt ziemlich logisch. Wie man das aber als Tourist vor der Smartphone Zeit geschafft haben soll … unbegreiflich. Sitzt man erstmal drin hat man oft keine Ahnung wie man bezahlt, wo man raus muss und wie man den Fahrer auf seinen Haltewunsch hinweist. Bisher hofften wir immer, das bei einem Einheimischen abgucken zu können. Bei dem ganzen Stress vergisst man auch leicht in was für Vehikel man da eigentlich gerade Platz genommen hat. Auch das Alter der Fahrzeuge scheint nach Osten hin zuzunehmen. Manchen Minibussen fehlen ganze Karosserieteile, der deutsche TÜV hätte sicher hier und da Mängel angebracht.

Unser Hostel machte einen sehr ordentlichen Eindruck. Gastgeber Anton, ein massiger kahlköpfiger Mann, nahm freundlich unser Gepäck entgegen. Da wir sehr zeitig in Irkutsk ankamen wollten wir noch vor dem Einchecken ohne schweren Rucksack die Stadt erkunden. Anscheinend war gerade Schichtwechsel und Anton übergab den Computerplatz einer netten älteren Dame, die vielleicht Katyuscha hieß, so ganz war uns das nicht klar. Beim Gehen blitzte unter Antons Jacke sein Waffenhalfter mit dicker Knarre auf. Wir waren froh es ab diesem Moment nur noch mit Vielleicht-Katyuscha zu tun zu haben.

Mehr noch als an unseren bisherigen Stationen kann man in Irkutsk das echte Sibirien spüren. Viele alte Holzhäuser erwecken den Eindruck direkt in ein altes DEFA Märchen teleportiert worden zu sein. Wir wanderten durch schöne Parks, auf muckelige Halbinseln im Angara, einem Abfluss des Baikalsees und folgten Mal wieder einer Red Line (diesmal eher zufällig). Die Innenstadt und der historische Teil sind überschaubar, so wie wir es mögen.

Gern wären wir etwas länger in Irkutsk geblieben aber am nächsten Tag zog es uns trotzdem raus aus der Stadt an den 70 km entfernten Baikalsee. Die nächsten beiden Übernachtungen hatten wir kurzfristig in Bolshie Koty gebucht, ein abgelegenes kleines Dörfchen, dass im Sommer nur per Fähre oder zu Fuß erreichbar ist. Im Winter gibt es anscheinend Busrouten direkt über den zugefrorenen See … verrückt. Da wir auch unsere Nacht vor der Weiterfahrt mit der Transsib wieder bei Vielleicht-Katyuscha buchten, ließen wir einen Teil unseres Gepäcks im Hostel und machten uns mit jeweils knapp 7 Kilogramm auf nach Listvyanka, dem Startpunkt des Great Baikal Trails. Den richtigen Minibus zu finden wäre ohne Recherche im Internet und eines auskunftsfreudigen Schrankenbedieners Mal wieder nicht möglich. Egal, wir saßen drin und der Bus startete als er voll war. In Listvyanka schafften wir es tatsächlich an einer, unserem Ziel recht nahen Stelle, auszusteigen und den Busfahrer seinen wohlverdienten Lohn zu übergeben. High-Five für uns. Schon hier bot sich uns ein unglaublicher Anblick: kein Wunder, dass die Einheimischen eher von einem Meer sprechen als von einem See. Glasklares Wasser und durch das leicht diesige Wetter kann man tatsächlich nicht wirklich sagen, ob man die Berge des gegenüberliegenden Ufers oder doch nur Wolken sieht.

Nächstes Problem: wir mussten erstmal überhaupt zum Startpunkt des Trails gelangen und benötigten für das Betreten des Nationalparks auch noch irgendeine Berechtigung. Hätten wir uns auf die offizielle Info-Pdf verlassen würden wir wahrscheinlich heute noch die Promenade auf und ablaufen und die Ranger Station suchen. Auf unserer vor ein paar Tagen abgesendete eMail-Anfrage wurde eine kurze Wegbeschreibung versendet, sodass wir die Berechtigung „in einem Haus am Ende der Straße“ erhalten würden. Immerhin der Straßenname wurde erwähnt und war sinnvollerweise auch gleich der Beginn des Trails. Da unsere Definition von „Straße“ die Eigenschaften geteert oder zumindest irgendwie befahrbar enthielt rechneten wir schon gar nicht mehr damit legal in den Park hineinzukommen. Doch nach etlichen Metern Trampelpfad erstrahlte vor uns eine neu gebaute Ranger Station (quasi ein Kassenhäuschen) und wir hielten endlich für 1,35€ unsere Berechtigung in den Händen. Nun standen 24 km anstrengende aber absolut sehenswerte Wanderung auf dem Programm.

Nach den ersten zwei Kilometer am Stück bergauf verfluchten Eva und ich zwar alles Mögliche, wurden dann aber auch mit einer sagenhaften Aussicht belohnt. Das Wetter war wie bestellt, wir sollten den sonnigsten Tag unserer Reise für die Tour rausgesucht haben.

Zum Glück hielt der Schwierigkeitsgrad nicht an und der Großteil der Tour verlief direkt an der steilen Küste, teilweise sogar am Strand. Einige Verrückte nutzen den 7 Grad kalten See um ein wenig zu planschen. Uns reichte die Kneippkur für die Füße. Gegen 16:30 erreichten wir das 1000 Einwohner Dorf endlich und wunderten uns über ein reges Touristenaufkommen. Anscheinend hieß "abgelegen" nicht gleich "einsam". Wie wir später heraus fanden kippt die Fähre hier mehrmals täglich Touristen ab, die dann den Ort und die nähere Umgebung erwandern und abends wieder nach Irkutsk geschippert werden.

Möglicherweise waren wir hier Zeuge der Geburt einer neuen Touristenhochburg; Sogut wie jeder Einwohner baute fleißig neue Guesthouses auf seinem Grundstück. Auch unsere Unterkunft stand mit weiteren Holzhütten auf einem Privatgelände. Außenplumpsklo, Außenküche aber immerhin Innenbetten kennzeichneten unsere Herberge. Nach dem Ablegen der letzten Fähre gegen 18 Uhr wurde es deutlich ruhiger im Örtchen, der einzige Laden war nun nicht mehr überfüllt mit kunterbunten Jack-Wolfskin-Jacken.

Da für den nächsten Tag schlechteres Wetter angesagt wurde entschieden wir uns einen entspannten Chilltag einzuschieben. Beim Frühstück, es gab leckeren Haferbrei, unterhielten wir uns mit Hannes und Anne, die ebenfalls aus Leipzig kamen. Gemeinsam beschlossen wir den Geheimnissen des Baikalmuseums auf den Grund zu gehen, neben dem Kiosk das einzige nennenswerte Gebäude im Ort. Der erste Versuch schlug fehl, da es geschlossen war; Öffnungszeiten konnten wir natürlich weder im Internet noch vor Ort finden. Die Betreiberin öffnet es anscheinend wie sie Lust hat, eine beneidenswerte Arbeitseinstellung. Knapp zwei Stunden später durften wir aber endlich die (toten) Wunder des Baikalsees bestaunen. Die zwei Räume mit ausgestopften oder eingelegten Lebewesen waren in ihrer Aufmachung schon sehenswert. Der eigentliche Charme ergab sich dabei aus der Mischung eines uralten Naturkundemuseum und der Werkstatt von Dr. Frankenstein.

An unserem Abreisetag konnte uns das Wetter wieder eher überzeugen die Gegend zu erkunden. Wir stiefelten unter anderem etwas weiter den Baikal Trail entlang bis zu einem wunderschönen Aussichtspunkt. Dort hatten wir tatsächlich das Glück Baikalrobben zu beobachten. Zwar in weiter Entfernung und nur den Kopf für ein paar Sekunden beim Luft holen, aber immerhin. Tipp für Tierbeobachter: Ist der kleine Punkt länger als 15 Sekunden zu sehen ist es ein Vogel, ansonsten ein Robbenköpfchen. Mit diesem lustigen Rätselraten verbrachten wir den halben Tag und genossen die letzten Stunden in dieser beeindruckenden Landschaft.

Die Fähre, für den Rückweg hatten wir über eine rein russische Webseite gebucht. Und auch wenn wir den Google Übersetzer hier immer sehr loben gehört hin und wieder etwas "Interpretationsgeschick" dazu alles zu verstehen. Als mich dann unter meiner russischen Telefonnummer eine SMS erreichte, die sinngemäß besagte, dass die Fähre wegen technischer Defekte eine Stunde später starten würde wussten wir zwar, dass unser Ticketkauf anscheinend erfolgreich war. Trotzdem war es sehr ärgerlich, dass wir nun erst spät in Irkutsk ankommen sollten, und unser Zug in die Mongolei bereits sehr früh am Morgen starten sollte. Nach zwei Tagen Haferflocken und Instantsuppen entschieden wir uns aber trotz der späten Stunde noch in ein nahegelegenes chinesisches Restaurant einzukehren. Unser letzter Abend in Russland und wir hauten uns Eierreis und Rinderpfanne in den hungrigen Rachen. Immerhin eine Flasche russischer Wein zollte der einheimischen Küche ein letztes Mal Respekt. Nach einer kurzen Nacht machten wir uns kurz nach 6 Uhr auf den Weg zum Bahnhof. Es wartet nun die nahezu unendliche Steppe der Mongolei auf uns.

 

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