Unsere Häschentasche hatten wir nun schon mal, also blieb noch etwas Zeit Kunming zu erkunden. In der Stadt angekommen fuhren wir ganz entspannt Richtung Flughafen, da ich das Hotel natürlich in dessen Nähe buchte. Der Plan war also ziemlich gut ... aber Pläne ändern sich nun mal.

Die Sonne war mittlerweile untergegangen und wir stiegen im Niemandsland vor dem Flughafengelände aus der U-Bahn aus. Der kleine Fußmarsch führte uns vorbei an riesigen Airport-Unterkünften und Geschäftsgebäuden. Und schon hatten wir nach einer halben Stunde unser Hotel erreicht ... oder zumindest den Platz, wo es hätte stehen müssen. Der umzäunte Acker machte nicht den Anschein als wäre hier überhaupt schon mal ein Hotel gewesen. Unsere Erfahrung mit Airbnb, Booking.com und Agoda zeigte uns, dass fast die Hälfte der Unterkünfte in China nicht dort waren, wo sie laut Karten- und Buchungs-App hätten sein sollen. Wir latschten also im Nichts umher und versuchten zur nächsten beleuchteten Straße zu gelangen. Mit etwas Glück erreichten wir ein kleines Dorf und hielten zuerst einem Motorradfahrer unsere Karten-App hin. Der schaute sie sich an, drehte sie in alle Richtungen, zoomte rein und wieder raus. Als er aus Versehen drüber wischte und damit die Karte gefühlt 1000 km weiterrutschte starrte er immer noch suchend auf das Handy. Dies war der Moment als wir wussten: Ok, der hat gar keine Ahnung. Artig bedankten wir uns für die Hilfe und gingen weiter. Sowas ist uns in China häufiger passiert, wenn wir Menschen eine Karte gezeigt haben. Wir vermuten, dass es ihnen unangenehm war, wenn sie uns nicht helfen konnten. Meist wandelte sich ein zerkniffen angespanntes Gesicht in ein herzliches Lächeln, wenn wir das Gespräch mit unseren "Anquatsch-Opfern" höflich beendeten ... sichtlich froh, dass der Spuk mit den komischen Ausländern endlich vorbei war.

Wir erreichten zum Glück eine Polizeiwache und rissen die beiden älteren Polizisten aus ihrer gewiss anstrengenden Tätigkeit eine Soap-Opera auf dem Tablett zu schauen. Mit dem Google-Übersetzer versuchten wir den beiden klar zumachen, was gerade unser Problem ist. Das gestaltete sich mit der Karte ähnlich schwierig wie bei dem Motorradfahrer zuvor. Immerhin versuchten sie uns den Weg zu dem auf der Karte markierten Ort zu beschreiben. Nach unzähligen Versuchen schienen sie aber verstanden zu haben, dass unser Hotel nicht an dieser Stelle ist. Irgendwie hatte die beiden wohl der Ehrgeiz gepackt und sie legten sich mächtig ins Zeug, telefonierten mit unserer Unterkunft und erklärten uns, dass diese anscheinend 5 km entfernt sein musste. Nach weiteren Telefonaten schien es als wollten sie, dass wir warteten. Und tatsächlich kam plötzlich ein Auto angefahren, einjunger Mann stieg aus und begrüßte uns mit einem lauten "Sorry, sorry" in bruchstückhaftem Englisch. Er wechselte noch ein paar Worte mit den Polizisten, schenkte ihnen zwei Zigaretten für ihre Mühen und schon fuhren wir los.

Es wurde alles immer undurchsichtiger, denn zu seinem Hotel schienen wir nicht zu fahren, stattdessen telefonierte er wie wild mit jemandem. Falls wir seinen Ausführungen richtig folgen konnten, wurde sein Hotel angeblich renoviert und er hatte kein Zimmer frei. Er würde uns aber in dem Hotel eines Freundes unterbringen. Irgendwann stoppte er abrupt und deutete auf ein parkendes Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ohne zu fragen stiegen wir in das andere Auto und verabschiedeten den jungen Mann. Weiter ging die wilde Fahrt und irgendwann erreichten wir ein kleines Örtchen und hielten tatsächlich an einem halbwegs passabel wirkenden Hotel. Mittlerweile war uns eh alles egal, wir wollten nur noch ankommen und uns auf Bett schmeißen. Wir schleppten unsere müden Glieder die letzten Stufen in die dritte Etage, öffneten die Tür und blickten auf das:

Die Dame an der Rezeption war es sichtlich unangenehm, anscheinend hatte sie uns den falschen Schlüssel gegeben und der Raum wurde gerade renoviert. Puh, zum Glück sah es eine Etage weiter oben deutlich besser aus. Außerdem zeigte uns ein letzter Blick auf die Karte, dass wir tatsächlich wieder in der Nähe des Flughafens waren.

Da in diesem Hotel leider nur Barzahlung möglich war wollten wir unseren freien Tag nutzen einen kleinen Spaziergang zum nächsten Geldautomat zu unternehmen. Natürlich war der Nächste am Flughafen. Also marschierten wir knapp eine Stunde durch kleinere Ortschaften, die man normalerweise auf keiner Chinareise besuchen würde. Wahrscheinlich haben wir hier mehr vom "echten" China mitbekommen als in den ganzen Wochen vorher. In einer eher schmuddelig wirkenden Garküche am Straßenrand genossen wir eine der besten und günstigsten Nudelsuppen unserer ganzen Reise. Auf dem folgenden Bild bin ich übrigens nur als Alibi abgebildet ... wir wollten heimlich ein Foto von der mobilen Polizei-Station machen. Ob diese tatsächlich losrollen kann bezweifeln wir.

Am nächsten Tag gab es tatsächlich einen Shuttle-Service zum Flughafen, den wir uns mit ein paar Chinesen teilten. Ein Business-Typ auf dem Platz neben mir versuchte mit mir ins Gespräch zu kommen. Wo wir in China waren und wie es uns gefallen hatte begann die zaghafte Unterhaltung auf Englisch. Irgendwann fragte er mich wie ich die "public order" in China fände. Etwas verdutzt ob dieser riskanten Frage nickte ich nur brav und überlegte, wie ich die Unterhaltung wieder in eine andere Richtung lenken konnte. Doch er kam mir zuvor: "We will fight hard next year!". Hmm, Olympiade oder ein anders sportliches Event? Ich schaute ihn fragend an, als wir bereits den Flughafen erreichten. Kopfnickend meinte er: "We will crack down the evil forces!". Dabei deutete er auf ein gepanzertes Einsatzfahrzeug, das am Eingang des Airports stand. Ehe ich meine Gedanken zu der Frage sortieren konnte, was denn die "evil forces" seien, waren wir auch schon angekommen und alle stürzten aus dem Minivan. Dieses Gespräch rundete unseren Aufenthalt in Kunming nun ab und ich werde nächstes Jahr aufmerksam die Nachrichten verfolgen.

Nach den schwierigen letzten Tagen waren wir endlich angekommen und freuten uns nun auf Nepal, englischsprechende Menschen und VPN-freies Internet. Unsere vollgepackte Häschentasche und einer unserer Rucksäcke als Handgepäck waren bereit für den Abflug.

 

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