Ein verträumtes Fischerdorf, majestätische Karstlandschaft und ein märchenhaft mäandernder Fluss. Das alles versprach uns der Süden von Guilin. Wir freuten uns auf Ruhe, Entspannung und ein paar relaxte Tage. Die Versprechen wurden nur teilweise erfüllt. Und dann auch nur, als wir uns mal wieder auf eigene Faust durchschlagen wollten. Aber beginnen wir erstmal mit dem "verträumten Fischerdorf" ...

Es gab eine direkte Busverbindung von den Reisterrassen im Norden zur Li River Region im Süden. Das hätte uns bereits stutzig machen sollen. Unser Zwischenstopp war die Touristenhochburg Yangshuo, ebenfalls am Fluss gelegen und das Ziel der meisten Fähren und Busse von Guilin. Wir konnten einen kleinen Eindruck bekommen, mussten wir doch mal wieder quer durch die Stadt von einer Busstation zur nächsten. Dort ging es dann mit einem lokalen Bus auf der anderen Uferseite wieder etwas zurück nach Xingping. Dass der Ort anscheinend mal ein beschauliches Fischerdorf gewesen sein musste konnte man noch erahnen. Aber auch hier greift der Bauboom mittlerweile um sich und an jeder Ecke gibt es Souvenier- und Futterstände.

Die Landschaft ist dann aber immerhin so, wie man wir sie uns vorgestellt hatten. Der breite Fluss schlängelt sich durch die hoch aufragenden Karstberge. Für uns einer der schönsten Anblicke in China.

Wem die Szenerie bekannt vorkommt: Man findet sie in so ziemlich jedem China-Restaurant als Holzschnitzerei oder kitschig hintergrundbeleuchtetes Wandbild. Auch auf der 20 Yuan Note ist genau diese Ansicht dargestellt und so ziemlich jeder Besucher macht genau folgendes Foto:

Falls man es dabei perfekt haben möchte kann man auch direkt den 20-Yuan-Viewpoint ansteuern und ein professionelles Foto von sich und einem Geldschein machen zu dürfen.

Nach unseren guten Youth-Hostel-Erfahrungen entschieden wir uns hier ebenfalls für eines. Vorteile sind das westliche Frühstück, eine "normale" Toilette und kein Squat und weiche Matratzen. Tatsächlich scheinen die Chinesen sehr gern auf mit Laken umhüllten Steinen zu schlafen ... in Deutschland gäbe es dafür nicht mal einen Härtegrad.

Da uns das Fischerdorf nicht fischerdorfig genug war wollten wir eine kleine Wanderung zu einem echten Dörfchen machen. Der Weg war auf Maps.me markiert und auch im Hostel meinte man, dass man das gut schaffen könnte. Alle wichtigen Wegpunkte hatte man als Foto vorliegen, die wir uns eifrig abfotografierten. Die Wanderung führte vorbei an den wunderschönen Bergen, die von der Sonne golden schimmerten und saftigen Pomelo-Plantagen.

An einer der (trotz der Bildervorgaben) schwer zu erkennenden Weggabelungen machten wir Rast und genossen endlich die Ruhe um uns herum. Eine Pomelo, die frisch vom Baum gefallen war, diente als leckerer Zwischensnack. Und prompt hörten wir das, was wir in dieser Situation am wenigsten wollten: Menschen. Eine ganze Reisegruppe, von uns fälschlicherweise als Italiener identifiziert, setzte nach kurzer Verweilzeit ihren Weg fort ... erstaunlicherweise anders als wir das vor hatten. Nach intensiver Beratung blieben wir bei unserer geplanten Route, mussten aber nach knapp 10 Minuten feststellen, dass wir die falsche Entscheidung getroffen hatten. Der Weg endete mitten in einer Plantage und die dornigen Sträucher versperrten die grundsätzliche Richtung. Von etwas weiter hinten hörten wir aus dem Dickicht die Stimmen der Reisegruppe und wir mussten uns eingestehen, dass die wohl etwas mehr Ahnung hatte als wir. Somit wanderten wir den Weg zurück zur Weggabelung und folgten widerwillig den Stimmen. Der Weg wurde enger und enger und plötzlich guckten wir wieder in die Gesichter einiger Gruppenmitglieder, die sich nach einem kurzen Gespräch als Ungarn enttarnten. Deren Reiseführerin hangelte sich vom Schlangenkopf zum -arsch und erklärte uns die Gesamtsituation: Sie sei den Weg wohl ein paar Monate zuvor schon einmal gegangen, aber die Landschaft ändert sich in diesem Gebiet ständig. Also es gab einen Weg, aber diesen musste man finden. Nach unserem missglückten Outdoorabenteuer in den Reisterrassen witterten Eva und ich hier die Chance auf Rehabilitation. Während uns die ersten Ungarn bereits entgegenkamen und den Rückweg antraten schoben wir uns zum besagten Schlangenkopf durch und schlugen uns durch das Dickicht. Immerhin ließ sich der Weg durch Steintreppen erahnen und wir hörten, dass auch ein paar Reisegruppler uns folgten. Nach der Dornenschlacht erreichten wir glücklich wieder einen breiteren Weg. Auch die Reiseleiterin und einige ihrer wagemutigen Anhänger trafen kurz danach ein. Nach dieser mörderischen Experience wurden Eva und ich herzlich in der Gruppe aufgenommen und eingeladen mit ins Dorf zu wandern.

Da die Gruppe nun dezimiert war tat sich hier auch eine Chance für den Rückweg auf ... die Einladung mit dem privaten Fischerkahn nach Xingping zurück zu schippern schlugen wir natürlich nicht aus. Bevor wir die Rückfahrt antraten nahmen wir noch ein Bad im extrem warmen Li River und besichtigten ein Fischerhaus, dass sich wohl auch schon Bill Clinton mal angesehen hat. "Show me the real China" soll er bei seiner Flussfahrt von Guilin nach Yangshuo gesagt haben und stand daraufhin genau in dem Haus, das uns der stolze Besitzer nun zeigte.

Ein paar sehr nette Gespräche und eine Bootsfahrt später legten wir wieder am Pier in Xingping an, nur knapp 100 Meter von unserem Hostel entfernt. Ein rundum gelungener Vormittag endete damit, dass wir einem traditionell gekleidetem Kormoranfischer bei der Arbeit zu sahen. Spaß beiseite ... der Kamerad hat sich sein schickes Outfit erst angezogen als wir ihm seine geforderten 80 Yuan (knapp 10 Euro) überreicht hatten. Zumindest hatten wir ihn von seinen ursprünglich unverschämten 200 Yuan herunter gehandelt. Etwas von der Euphorie der gelungenen Wanderung musste wohl noch in uns stecken, sonst hätten wir niemals so viel Geld dafür geblecht. Immerhin gab es ein paar schöne Fotos. Etwas gewöhnungsbedürftig waren seine ständigen Ankündigungen wenn er etwas knipswürdiges vor hatte. Zwei Fische schmiss er für die Nummer ins Wasser, von denen zumindest einer von einem seiner Kormorane wieder artig aufs Boot gebracht wurde. Naja, ein kurzes Schauspiel aber er verdient nun mal sein Geld damit.

Nachdem wir uns im Hostel etwas ausgeruht hatten wollten wir zum Sonnenuntergang noch den Laozhai Hill besteigen. Glücklicherweise stand dieser Berg direkt neben unserer Unterkunft und wir meisterten die endlosen Treppen in knapp einer halben Stunde. Warum regelmäßig Schilder vor Absturzgefahr mit Todesfolge warnten begriffen wir recht schnell als wir die Spitze erreichten. Der eigentliche Aussichtspavillon zeigt ungünstigerweise nicht direkt nach Westen, so dass man noch etwas auf den Felsen herumturnen muss, bei diesen steilen Wänden eine schwindelerregende Angelegenheit. Mit etwas schlottrigen Knien erreichten wir den höchsten Punkt und genossen in Ruhe den Sonnenuntergang.

Der Sonnenuntergang war wirklich wunderschön, aber das mit der Ruhe war gelogen. Dieser tolle Location ist schon länger ein absoluter Insta-Spot und somit kann man zwar mit etwas Geschick so ein Foto knipsen ...

... meistens sieht die Realität aber so aus:

Die Hälfte der Anwesenden hat keine Augen für die Szenerie und ist nur darauf bedacht ein schönes Foto von sich selbst mit nettem Hintergrund zu schießen. Das ist oft insofern interessant, dass die im hübschen Kleidchen gekleidete Chinesin beim Aufstieg panisch kreischte und sich von ihrem Liebsten stützen lassen musste. Als das "Shooting" dann begann war ebendiese dann aber kaum noch zu halten und posierte an der steilen Klippe immer wilder und wagemutiger. In den vorherigen Artikeln habe ich mich ein wenig über die chinesischen Reisegruppen ausgelassen, die Insta-Pärchen (oder auch etwas seltenere Insta-Singles) sind mindestens genauso nervig. Posen werden lautstark mit dem Fotografen besprochen, es wird minutenlang der Blick für die anderen Anwesenden versperrt und danach noch Ewigkeiten bei der Bildauswertung an Ort und Stelle verharrt. Und alles für ein Foto, dass die Realität nur im Entferntesten widerspiegelt und somit kaum als schöne Reiseerinnerung herhalten kann. Aber Hauptsache den Followern gefällts.

Für die letzte Nacht mussten wir leider unser Hotel wechseln. Nach einer weiteren Airbnb-Panne entschieden wir uns für ein kleines chinesisches Hotel mit einem ähnlichen Preis ... und inklusive der bekannten harten Betten. Unseren letzten Tag verbrachten wir auf der anderen Flussseite von Xingping. Wir hatten einen überraschend schönen Spaziergang zu einer Organic Farm, speisten dort im Restaurant und wanderten in Begleitung des Haushundes wieder zum Fähranleger Da der junge Rüde auf uns einen etwas trotteligen Eindruck machte und wir nicht den Eindruck hatten, dass er den Weg zurück zu seiner Farm kannte verlängerten wir unseren Aufenthalt in diesem Ortsteil noch etwas. Wieder ab zur Farm, Hund abgeliefert und wieder zurück ... Umweg knapp 'ne Stunde, aber mit einem guten Gefühl im Bauch.

Unsere Chinareise neigte sich so langsam dem Ende entgegen. Unser Flug nach Nepal stand nun an und wir fuhren über Guilin mit dem Zug nach Kunming. Einen Sicherheitstag hatten wir dort eingeplant um uns für den Flug zu stärken und letzte Besorgungen zu machen. Da wir für den Flug nur ein Gepäckstück aufgegeben hatten wollten wir noch eine große, einfache Stofftasche kaufen, die wir dann mit einem unserer Rucksäcke und etwas Krempel aus dem zweiten Rucksack füllen und als Aufgabegepäck nutzen wollten. In einem Land, in dem niemand mit etwas anderem vereist als mit Rollkoffern (insbesondere in der Rosa-Silber-Glitzi-Variante) war dies eine überraschend schwierige Aufgabe. In einem lokalen Kaufhaus in Guilin fanden wir sie dann, eigentlich als Aufbewahrung der echten Waren und zu unserem Glück verkaufbar ... die Häschentasche. Dieser Zufallskauf erwies sich auch terminlich als absoluter Glücksfall, denn Kunming ließ uns ordentlich im Stich ...

 

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren