Schon beim Betreten des Zuges fiel uns alten Transsib-Hasen eine entscheidende Änderung zu den bisherigen Fahrten auf: um uns herum wurde Englisch, Spanisch und (natürlich) Deutsch gesprochen. Ab Irkutsk scheint die Transsib tatsächlich eher in Touristenhand zu sein und nicht mehr so häufig von Einheimischen genutzt zu werden. Unsere Mitfahrer diesmal: zwei Dänen, die wir schon auf der Fähre vom Baikalsee gesehen hatten.
Spannendes von der Zugfahrt gibt es kaum zu berichten, da der Baikalsee leider in dichtem Nebel gehüllt war. Dass mir Eva das kochende Wasser des Samowar über die linke Flosse kippte blieb die einzig nennenswerte Randnotiz.

Als wir endlich am späten Abend die Grenze erreichten, hatten wir zum Glück schon etwas vorgeschlafen. Das ganze Prozedere für den Grenzübertritt sollte einiges an Zeit kosten. Noch in Russland blieb der Zug schon mal für 2 Stunden stehen. Pässe wurden kontrolliert und ein drahtiger, schwer bewaffneter Zöllner durchsuchte die obere Ablage und das Handgepäck nach Was-Auch-Immer. Unsere großen Rucksäcke blieben unbeachtet. Was haben wir gelernt? Wenn wir etwas schmuggeln wollen, dann ab ins Hauptgepäck damit. Das ganze Prozedere wiederholte sich dann nach einer weiteren halben Stunde Zugfahrt bei der mongolischen Einreise. Mit dem Unterschied, dass am dortigen Grenzübergang jeder Beamte vor dem einfahrendem Zug salutierte. Ein bizarrer Anblick, wenn man gerade mitten in der Nacht verschlafen aus dem Fenster guckt und dabei wie hoher Staatsbesuch empfangen wird. Achja, nette Nebeninfo: während des gesamten Grenzübergangs blieben die Toiletten tatsächlich mal gesperrt. Also knappe 5 Stunden ohne Pinkelpause … wir haben's überlebt.
Unsere Mitfahrdänen wurden direkt am Bahnhof in Ulaanbaatar von ihrem Tour Guide abgeholt, wir kämpften uns dagegen mal wieder durch eine Unmenge von Taxifahrern, die uns zwar freundlich aber trotzdem etwas penetrant zu einer netten Autofahrt überreden wollten. Eigentlich wollten wir uns auf dem Bahnhof eine Sim-Karte kaufen und erstmal in Ruhe in UB (... so wird die City hier nämlich genannt) ankommen. Aber als uns dann tatsächlich die gleichen Taxifahrer erneut anquatschten wurde es uns zu bunt und wir beschlossen erst mal vom Bahnhof zu fliehen. Eine dreiviertel Stunde sollte der Fußmarsch zu der Agentur dauern, bei der wir bereits während unserer Zugfahrt eine Rundreise durch das Landesinnere angefragt hatten. Da wir eh zu zeitig für den Check-In in unserem Airbnb waren beschlossen wir zuerst die Details unserer Tour abzusprechen. Gegen 7 Uhr lag die Stadt noch im Dornröschenschlaf. Dass der Verkehr in UB zu unseren bisher unangenehmsten Erinnerungen zählen würde konnte man hier noch nicht erahnen. Auf halber Strecke gab's aber erstmal 'nen Kaffee und das so wichtige WLAN. Clever wie wir sind hatten wir schon etwas Tögrög, die Landeswährung hier in der Mongolei, abgehoben. Grob gerechnet entsprechen 3000 Tögrög einem Euro. So clever waren wir dann doch wohl doch nicht und unser frisch erworbenes Geld reichte nicht einmal für zwei Kaffee und Sandwiches. Bei diesen Summen kann man aber auch mit den ganzen Nullen durcheinander kommen. Dieser Tag hielt noch so einige Stolpersteine für uns bereit, die hier nur in Kürze erwähnt werden sollen:
- Wir suchten die Tour Agentur an der vollkommen falschen Adresse
- Kraxelten auf der Suche danach mit zwei Hotelangestellten bei Regen durch eine Baustelle zu einer Hinterhofabsteige
- Hatten ein nervenaufreibendes Telefongespräch mit der Tour Chefin
- Buchten die Tour ohne auch nur ansatzweise zu erfahren was uns erwarten sollte
- Konnten mit etwas Glück unser Airbnb finden und ...
- ... nach etwas Umherirren tatsächlich auch jemanden finden, der uns hereinließ
- Stellten fest, dass die richtige Adresse der Tour Agentur nur 10 min Fußmarsch entfernt war
- Wollten uns dann doch nochmal persönlich vorstellen und fanden diese trotzdem nur durch Zufall, da anscheinend niemand etwas von Klingelschildern hält
Zu Allem Überfluss wurden wir bei unserer Odyssee von einer gruseligen alten Frau verfolgt, die jedesmal mit dem Finger auf uns deutete und uns auszulachen schien, wenn sie uns sah. Naja, sie wird ihre Gründe gehabt haben.
Nach diesem Tag beneideten wir unsere zwei Transsib Dänen etwas. Manchmal wäre es wirklich gut, einfach an die Hand genommen zu werden. Wie auch immer, irgendwie hatten wir's geschafft. Zum Thema geschafft: das hat uns jetzt mittlerweile auch der bereits angesprochene Verkehr in UB. Das muss man echt erlebt haben. Eigentlich besteht der Verkehr nur aus einer ständig hupenden Masse von Stauteilnehmern. Obwohl niemand voran kommt wird kein Millimeter Platz gemacht. Es wird gedrängelt, ständig die Spur gewechselt und bei jeder Gelegenheit auf die quäkende Hupe gebuzzert. Das Alles hebt die Mongolen dabei erstaunlicherweise überhaupt nicht. Jeder hupt aber keinen juckt das ganze Spektakel. Als Fußgänger hat man grundsätzlich keinen guten Stand und ist quasi Freiwild. Selbst eine grüne Ampel ist hier keine Garantie für eine sichere Straßenüberquerung. Das Beste ist, man folgt dem Herdentrieb, schließt sich einer Gruppe Wagemutiger an und bezwingt gemeinsam den Feind hinterm Lenkrad. Hier und da beweist ein Straßenpolizist Mut und steuert den Verkehr von seinem einsamen Thron in der Straßenmitte.

Die Sehenswürdigkeiten von UB klapperten wir direkt am ersten Tag ab. Das ist nicht besonders schwierig, wenn man sich einmal auf dem Sukhbaatar Platz befindet. So ziemlich jedes wichtige Gebäude grenzt an diesen an.


Dass UB trotzdem seinem Reiz hat erkennt man erst, wenn man sich etwas Zeit nimmt und statt der Sehenswürdigkeiten die Menschen beobachtet. Die Chance bot sich nach unserer Tour ein weiteres Airbnb im Randbezirk von UB suchten: Man schaut verträumt aus einem Pizza Hut auf die heruntergekommenen Fassaden eines Wohnblocks, der auch so in Leipzig-Grünau oder Halle-Neustadt stehen könnte. Dann sieht man plötzlich einen traditionell gekleideten Mönch auf der Straße, der ganz entspannt an einer Cola nippt, sein Smartphone checkt und in den Bus einsteigt ... Ja, wir sind tatsächlich nicht mehr in Deutschland. Dem öffentlichen Nahverkehr haben wir hier keine Chance gegeben. Wir hatten weder Zeit noch Muße uns mit Taxi oder Bus zu beschäftigen also liefen wir jeden Meter zu Fuß. Irgendwie war das dann doch ziemlich nett, da wir so auch einige Teile der Stadt entdecken konnten, die uns wahrscheinlich sonst eher verborgen geblieben wären.
Besonders Stolz sind die Mongolen natürlich auf ihre Ausgrabungsstätten für Dinosaurierknochen. Das dazugehörige Museum hatten wir auch gleich am Ankunftstag mit erledigt, etwas klein aber absolut sehenswert. Dass das Gewicht einiger Exponate für den Fachlaien visuell dargestellt wird ist nichts Besonderes. Meist werden als Vergleichsobjekte Autos oder Busse verwendet. Dass für den unten abgebildeten Kameraden aber sowohl die Anzahl Kamele, Kühe, Pferde, Schafe und Ziegen angegeben wird, die er vergleichsweise auf die Waage bringt zeigt schon mal was in diesem Land wirklich wichtig ist.

Die meisten Besucher bleiben, zu Recht, nicht lange in UB. Es zieht sie alle in die unendliche Weite dieses dünn besiedelten Landes. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln hat man hier kaum eine Chance, so bleibt eigentlich nur die Möglichkeit Fahrten über Kontakte zu Einheimischen oder Tour Anbieter zu organisieren. Laut einiger Reiseberichte sei es hier wohl auch möglich ein Pferd zu kaufen, mit dem Klepper durchs Land zu reiten und am Ende der Reise wieder zu verkaufen ... oder zu essen. Wir entschieden uns dann eher für die Tour-Variante.
