Als sich eine Traube an Menschen mit riesigen Gepäckstücken plötzlich in Bewegung setzte, wussten wir, dass irgendetwas geschehen war. Ein Blick auf die Anzeigetafel genügte, um zu sehen, dass neben der Ankunftszeit unseres Zuges nun auch das Gleis zu sehen war. Wir folgten der Menge nach draußen und sahen endlich unseren Zug in dem wir die nächsten knapp 30 Stunden verbringen würden. Erster Eindruck: Unspektakulär ... kein Orient Express, ein üblicher Personenzug.

Wir stellten uns artig in die Schlange vor unserem Waggon und hielten Tickets und Reisepässe gezückt. Unser junger Schaffner konnte ein klein wenig englisch, war zu Scherzen aufgelegt und verbreitete eine entspannte Stimmung unter den Wartenden.

Nach wenigen Minuten betraten wir zum ersten Mal die Transsibirische Eisenbahn … ein Wahnsinnsgefühl. Nach den Privaträumen für die beiden Zugbegleiter des Waggons erspähten wir auf der rechten Seite auch gleich den Samowar, an dem man jederzeit kostenlos heißes Wasser bekommt. Die Platznummern verrieten uns, dass unsere Plätze nicht längsseits des Ganges sondern in einem der Viererabteile waren. Die Spannung stieg … wer würden unsere erster Mitfahrer sein: Ein Mutter-Tochter-Gespann das nett grüßte … Puh, Glück gehabt.

Wir verstauten unser Gepäck unter der Sitzbank und inspizierten erstmal alles. Die obere Liege konnte durch seitlich angebrachte Fußtritte erreicht werden. Unsere Matratzen und Decken lagen auf der darüber angebrachten Ablage. Froh waren wir, nicht die Betten längs zum Gang bekommen zu haben. Dort kann zwar das untere Bett mit einer simplen Konstruktion in einen Tisch und zwei Sitzplätze umfunktioniert werden, durch den fehlenden Extratisch hat man aber deutlich weniger Platz zum rumlümmeln als wir es hatten. Insgesamt war alles sehr viel besser ausgestattet als befürchtet. Im Grunde wie ein normaler Zug mit Liegen statt Sitzen. Bei so viel Normalität kam man sich schon etwas komisch vor Fotos zu knipsen oder mit der GoPro den Gang zu filmen.

Nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte und ein paar Minuten unterwegs war, kam erneut der Zugbegleiter (hier trifft der Name auch tatsächlich mal zu) vorbei und überreichte uns unsere Bettwäsche sauber in einer Plastiktüte verpackt. Natürlich nicht ohne noch einmal vorher unsere Reisepässe und Tickets geprüft zu haben.

Ein kurzer Plausch mit unseren Mitfahrern offenbarte, dass Lena und Anna das gleiche Ziel wie wir hatten: Jekaterinburg. Die beiden waren uns sofort sympathisch und sollten sich für uns als absoluter Glücksgriff erweisen. Anna war zwar etwas schüchtern sich mit ihrem Schulenglisch zu unterhalten aber ihre Mutter nutzte eifrig den Google Translator um uns schon mal auf die Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt vorzubereiten.

Da wir trotz unserer russischen SIM-Karten nur in der Nähe von Städten Netz hatten wurde die Zeit dazwischen mit „aus dem Fenster gucken“, lesen und schlafen gefüllt. Hin und wieder unterbrochen von einer Mahlzeit und Toilettengängen. Ein hervorragendes Konzept für Urlaub 😊

Mit Brot, Salami und Käse waren wir schon ganz ordentlich aufgestellt. Die meisten Einheimischen schworen auf Instant-Nudeln, so dass unsere Brotzeit wohl für die stärksten Gerüche sorgte. An dieser Stelle sei auch mal mit einigen Klischees rund um russische Eisenbahnen aufgeräumt:

  • Wie gesagt, es riecht nicht überall nach Essen (außer vielleicht nach unserer Paprikasalami)
  • Doch, es gibt Strom (sogar USB-Buchsen auf den oberen Liegen)
  • Nein, es steht nicht auf jedem Tisch mindestens eine Wodka-Flasche. Das Alkoholverbot in russischen Zügen wird befolgt.
  • Nein, es laufen keine Hühner frei im Waggon herum
  • Es ist auch nicht viel lauter als in einem deutschen Personenzug
  • Nein, die Toiletten werden nicht 20 Minuten vor Einfahrt in einen Bahnhof abgesperrt
  • Die Zugbegleiter sind auch keine bärbeißigen Eigenbrötler, sondern meist junge und nette Menschen, die trotz Sprachbarriere sehr bemüht sind sich verständlich zu machen.
  • Fahrgäste, die den Zug an den kurzen Haltestellen verlassen werden daran erinnert rechtzeitig zurück zu kommen (man würde sogar geweckt werden, um seine Ankunft nicht zu verschlafen)
  • Die Toiletten sind … ok, die Toiletten sind tatsächlich nicht so nett, aber mal ernsthaft: Wer hat denn überhaupt schon mal eine saubere Zugtoilette gesehen

Die gesamte Fahrt von Moskau nach Peking (schlappe 7622km) würde 5 Tage 9 Stunden und 40 Minuten dauern. Auf Grund fehlender Duschmöglichkeiten waren wir froh, die Fahrtzeit in 5 Teilstücke gesplittet zu haben. Erster Stopp: Jekaterinburg um 21:21 Uhr. Wir stellten uns bereits darauf ein spät abends mit U-Bahn, Bus oder Taxi (ja wir hätten den Taxifahrern noch eine Chance gegeben) unser Quartier zu suchen als Lena plötzlich meinte, dass ihr Sohn sie vom Bahnhof abhole und uns gleich mit zu unserer Unterkunft fahren könnte. Etwas ungläubig ob vielleicht die Präzision des Google Übersetzers schluderte hatten wir dann doch das Gefühl es richtig verstanden zu haben und beschlossen erstmal abzuwarten.

Die Weite dieses Landes ist während der gesamten Fahrt spürbar. Man fährt los und schaut aus dem Fenster: Birkenwald. Man isst zu Mittag und schaut raus: Birkenwald. Man wacht früh auf und draußen: klar, Birken. Dazwischen tauchen immer wieder kleinere Siedlungen oder einzelne Häuschen auf. Diesen sieht man ihr Alter zwar an, nichtsdestotrotz wirkt das Gesamtbild immer sehr idyllisch: Hier eine Quitte-gelbe Holzbank, da Mint-grüne Fensterläden und an fast jedem Haus: ein gepflegter kleiner Gemüse- sowie farbenfroher Blumengarten. Man sitzt 30 Stunden im Zug, und der Blick aufs Handy offenbart, dass man erst einen Bruchteil des Landes durchquert hat.

Als wir in Jekaterinburg ankamen waren wir uns mittlerweile sicher, dass Lenas Sohn Anton uns tatsächlich zum Hostel bringen würde. Zielsicher eilten wir Lena und Anna hinterher auf den Parkplatz. Anton war ebenfalls sehr freundlich, aufgeschlossen und konnte noch dazu sehr gut Englisch. Er versprach uns während der kurzen Fahrt auch gleich uns noch weitere Hotspots, Restaurant und Sightseeing-Tipps per WhatsApp zu schicken. Perfekt.

Die Eingangstür unserer Unterkunft war mal wieder eine nicht wirklich einladende Stahltür hinter der ein noch weniger einladendes Treppenhaus lag. Aber davon lassen wir uns ja nun nicht mehr abschrecken.

Kommentare   

0 #2 Super User 2019-08-28 16:16
zitiere Tonemann:
Ein neuer Eintrag in Paul's Toiletten Führer. :)

Da kommen demnächst noch ganz andere Kaliber :D
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0 #1 Tonemann 2019-08-13 23:25
Ein neuer Eintrag in Paul's Toiletten Führer. :)
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