Pünktlich um 8 Uhr standen wir auf dem Hinterhof bei Sunpath Mongolia, unserem Touranbieter, und warteten gespannt was passierte. Durch unsere eigene Odyssee am Vortag waren Eva und ich schon etwas verunsichert was uns nun erwarten würde. Das Schlimmste wäre eine klassische Touristentour ohne Flair, das Zweitschlimmste wären nervige Mitreisende. Zum Glück trat keine dieser beiden Katastrophen ein. Und soviel sei schon mal vorweg genommen: die sensationelle Tour war das absolute Highlight unserer bisherigen Reise mit vielen Wow-Momenten, die wir mit tollen Menschen teilen konnten.
Mit zwei russischen Minibussen ging es los Richtung Süden … raus aus der versmogten Großstadt. Zu uns in den Bus gesellten sich die jungen Freiburger Studentinnen Laura und Soshy, die schon seit einigen Wochen über die Uni in der Mongolei waren und nun die letzten Tage privat nutzen wollten. Im zweiten Bus nahmen die Schottin Gillian und die Engländerin Ashlea platz. Zu der Reisegruppe gesellten sich unser Guide Zaya, die beiden Busfahrer Baatar und Baatar und die Köchin Muchdochda. Die Gesprächsrunde mit Laura und Soshy wurde schnell eröffnet, schön Mal wieder für einen längeren Zeitraum etwas Deutsch sprechen zu können.

Erster Stopp kurz nach der Stadt: Supermarkt. Von den 6 Reiselustigen outeten sich alle anderen als Vegetarier. "Yes" antworteten Eva und ich auf die Frage "Meat?" … ein kleines Wort, dass besonders Eva schon nach dem ersten Mittagessen bereuen sollten. Denn ab diesem Moment gab es für uns Fleisch und Fleisch und nochmals Fleisch. Das Essen ist in der Mongolei grundsätzlich sehr fettig, der oft kredenzte Hammel ist würzig und nahrhaft. Nach ein paar Tagen konnte selbst ich ihn nicht mehr sehen.
Die Fahrt aus der Stadt war lang und wurde erst spannender als die ersten Kühe mit wildem Hupen von der Fahrbahn gescheucht wurden. Gab es etwas Interessantes zu sehen hielt der Konvoi an und wir wurden mit riesigen Geiern und einigen Kamelen schon mal auf die kommenden Tage vorbereitet. Ab halber Strecke wurde dann die geteerte Straße verlassen … es ging auf der Bumpy Road quer durchs Gelände. Bus und Fahrer konnten nun zeigen was in ihnen steckt. Die Bumpy Roads sollten wir bis zum letzten Tag nur noch vereinzelt verlassen, was hin und wieder auf den Magen schlug.

Geschlafen wurde in Jurten, die hier nur Ger genannt werden. Es war jedes Mal eine Freude, wenn wir abends an den riesigen touristischen Ger-Camps vorbei gefahren sind und außer Sichtweite in einem kleinen, meist von einer Familie bewohnten Camp stoppten.

Wir waren uns trotzdem nicht zu schade für ein paar Bier zum nächstgelegenen Touristen-Ger (siehe unten) zu stapfen – von Ashlea liebevoll "Gerlic" getauft. Schon skurril mitten in der Steppe ein riesiges, mit Laminat ausgelegtes Ger zu betreten, in dem gerade die Musikanlage für den Karaoke-Abend aufgebaut wurde. Das Dosenbier nahmen wir gern mit, waren aber alle froh als wir wieder in unserem kleinen Ger-Camp unsere Ruhe hatten.
Direkt nach dem Aussteigen am Übernachtungsort wurde man im Familien-Ger empfangen. Als Begrüßungssnack gab's allerlei Gewöhnungsbedürftiges: fermentierte Stutenmilch, getrockneten Kamelquark, harten Ziegenkäse, dickflüssige Kamelmilch und hin und wieder ein einfaches Gebäck oder ein Stück Würfelzucker. Danach ging's ab ins Ger: meist 6 Betten am Rand in der Mitte ein Tisch und ein paar Hocker. In der Luxusvariante gehörte noch ein Spiegel, ein Nachtschränkchen und ein magischer Teppich zur Ausstattung. Das Holz der Gers ist oft stilecht bemalt und versprüht echtes Steppenfeeling. Der Bodenbelag dagegen würde einen professionellen Innenausstatter wahrscheinlich zum Weinen bringen … rosa PVC mit Blümchenmuster muss man nicht unbedingt mögen. Genauso wenig wie die Klosituation: ein Loch im Boden, ein paar Bretter drum herum fertig ist der Steppenlokus. Erstaunlich wie schnell man sich aber daran gewöhnt: war statt der fehlenden Planke im Boden ein Toilettensitz angebracht verfiel die Gruppe in überschwängliche Schwärmerei. Manchmal reichte dafür auch einfach nur Blümchentapete im Bretterverschlag. Trotz allem bleibt es halt ein Loch im Boden. Eine Lektion die ich direkt am ersten Abend lernen sollte: leuchte mit deiner Stirnlampe niemals IN das Loch. Beim Anblick der Ratte, die über den Berg an Exkrementen kletterte hat's mich leicht gehoben, aber was muss, das muss. Eva hat sich bei mir erstaunlicherweise nicht bedankt, als ich ihr diese lustige Begebenheit kurz vor ihrem ersten Klogang erzählte. Wem das noch nicht eklig genug ist: in den Gers gibt es oft Käfer, die mit einem lauten "Klack" von der Decke mitten in den Schlafsack oder direkt ins Gesicht plumpsen. Sagte ich bereits: was muss, das muss? Die Nomadenkinder machen sich einen Spaß die Bugs wie Knallerbsen zu zerlatschen, aufkehren macht dann die Mutti. Erst am vorletzten Abend gab uns Zaya den Rat mit Ohrstöpseln zu schlafen, da diese lustigen kleinen Kameraden wohl gern die wohlige Wärme des Gehörgangs suchen.
Ein mongolisches Sprichwort besagt: "Stoß dir nicht den Kopf an der Tür zum Ger, das bringt Unglück". Wahrscheinlich ist der schmerzende Kopf dabei bereits das besagte Unglück, da ich die Mongolei sonst wohl nicht lebend verlassen hätte. Ger, Klohäuschen und Bustür … mein Schädel hat alles mitgenommen, und zwar mehrfach. Zum Glück lag auch auf unseren Reiseerlebnissen durch meine Duckschwäche kein böses Omen. Die Spots, die angefahren wurden waren allesamt atemberaubend. Ob glühendrote Klippen in der Abendsonne, Klosterruinen an Berghängen oder Flüsse, die sich durch schroffe Felsentäler schlängelten. Alles zu beschreiben würde diesen Beitrag sprengen. Für Liebhaber langer Diaabende gibt es am Ende eine ausführliche Bildergalerie.
Die eigentlichen Highlights waren aber oft die Camps der Familien, bei denen wir übernachteten. Zu beobachten, wie die Einheimischen in dieser atemberaubenden Landschaft ihre Pferde bettfertig machen, die Ziegen melken oder einfach nur in der Gegend rumlaufen hat etwas ungemein beruhigendes. Wer kann schon von sich behaupten nach dem Aufwachen und Öffnen der Schlafzimmertür auf eine riesige Sanddüne blicken zu können.

Nun hab ich in diesem Artikel schon mehrere Superlative bemüht aber selbst das muss ich noch steigern: Der perfekte Tag startete so mittelmäßig. Der wolkenverhangene Himmel vermieste mir den Fototermin mit dem Sonnenaufgang und beunruhigte uns etwas, da heute die Fahrt zur großen Sanddüne inkl. abendlicher Besteigung anstehen sollte. Die Fahrt war wie immer lang und holprig, es nieselte hin und wieder. In der Ferne erhob sich aus den gelbgrünen Hügeln langsam der hellbraune Streifen der ersten Dünenausläufer. Das Ger Camp lag nahezu vor der höchsten Erhebung der Düne und wir erreichten es zur besten Mittagszeit. Nach der Vergewisserung über die artgerechte Haltung der Kamele wurde mit eben diesen ein kurzer Ausritt an den Fuß der Düne unternommen. Zum Glück kam inzwischen die Sonne zwischen den Wolken heraus. Kamele sind echt schräge Tiere … diesen riesigen Kopf mit dem "grinsenden" Gesichtsausdruck direkt neben sich zu spüren ist schon ein merkwürdiges Gefühl. Und wen es interessiert: so ein Höcker ist ziemlich fest und nicht etwa schwabbelig. Wer einen Eindruck von dem wahnwitzigen Ritt bekommen möchte kann sich dazu das Video am Ende des Berichtes anschauen.

Im absoluten Chillmodus erreichten wir die Düne und konnten bereits kleine Pünktchen als kraxelnde Menschen identifizieren. Aber erstmal ging's zurück, auch die Kamele wollten endlich Feierabend haben. Für uns hieß es Abendessen und ausruhen. Etwas schadenfroh erspähte ich eine asiatische Reisegruppe, die nun bei wiederaufkommenden Regen mit "unseren" Kamelen die gleiche Tour unternahmen … doch noch kein Feierabend für die armen Viechters. Zum Glück hatte uns meine Schadenfreude keine schlechten Karmapunkte beschert, als wir gegen 19:30 mit unseren Bussen zum Rand der Düne aufbrachen. Nach 5 Minuten Fahrt, Schuhen aus und einer groben Richtungsvorgabe stapfte jeder für sich los zum High Peak. Mit dabei war eine Vierergruppe Spanier, die hin und wieder unseren Weg kreuzten. Trotz dass jeder Schritt im Sand schwer fiel war es erstaunlich, wie schnell man an Höhe gewann. Ab halber Strecke konnte man bereits die hügelige Sandwüste auf der anderen Seite erspähen. Weder in diesem Moment noch jetzt im Nachhinein finde ich Worte um das zu beschreiben. Auf dem Kamm der höchsten Erhebung konnte man sich gar nicht mehr satt sehen von dieser Umgebung. Die Wüste Gobi in das Rot des Sonnenuntergangs getaucht. Eigentlich zu kitschig um real zu sein. In der Ferne ein riesiges Gewitter und immer wieder der starke Wind, der den Sand unbarmherzig in die Waden schnitt.


Der Wind wurde stärker, das Gewitter kam langsam auf uns zu. In den letzten Sekunden des Sonnenuntergangs konnte man kaum noch sein eigenes Wort verstehen. Und dann hieß es: runter hier, so schnell wie möglich. Unten angekommen mussten die Bilder verarbeitet und die Haare gerichtet werden:

Im Camp bewunderten wir das Gewitter direkt über der Düne ... der nächste Wow-Moment an diesem Tag. Bestimmt hundert Mal klickte meine Kamera, an die Arbeit die 80 Prozent dunklen Bilder auszusortieren verschwendete ich keinen einzigen Gedanken. Als das Gewitter nachließ klarte der Himmel auf und es erstrahlte ein Sternenhimmel, den Eva und ich so noch nie gesehen hatten. Hier trifft die Bezeichnung "Sternenzelt" wirklich zu … sagenhaft. Wenn unsere Reise genau an diesem Punkt beendet wäre, hätte es sich bereits gelohnt.


Die Fahrten zu den Sehenswürdigkeiten waren oft lang und wackelig. Die Zeit schlugen Eva und ich mit aus dem Fenster schauen oder schlafen tot. Oder wir amüsierten uns mit unseren beiden mongoleierfahrenen Mitreisenden über deren, anscheinend recht brauchbare, Sprachversuche. In den letzten Wochen hatten beide einen beträchtlichen Wortschatz angesammelt und feilten nun gemeinsam an der richtigen Aussprache. Nur wer schon mal ein paar Brocken Mongolisch gehört hat kann verstehen, wie irre komisch das aus dem Mund eines Europäers klingt. Westliche Zungen sind anscheinend nicht für diese Laute geschaffen. Dem Fahrer wurde nach jedem Nieser ein "Burkhan Örshöög" zugerufen, für das er sich lachend bedankte.
Am Tag nach der Düne durften wir uns zum ersten und einzigen Mal duschen. Dazu nutzten wir eine öffentliche Badeanstalt in einer kleinen Ortschaft, wie die Einheimischen auch ... eine interessante Erfahrung. Der vorletzte Abend war auch der letzte gemeinsame. Ashlea und Gillian sollten uns am nächsten Tag verlassen, da die beiden eine längere Tour gebucht hatten als wir Anderen. Zu diesem Anlass gab es endlich mal wieder Fleisch. Diesmal soll das aber nicht ironisch gemeint sein, denn es war wirklich lecker. Die Ziege wurde frisch geschlachtet und in viele unhandliche Stücke zerlegt. Auf dem Freiluftgrill wurden diese Häppchen nach und nach mit etwas Zwiebeln, Kartoffeln und Möhren in einen großen Topf gestapelt. Hinzu kamen erhitzte Steine, die mit einer Zange aus der Glut geangelt wurden. Unter freiem Himmel (unfreiwillig, da niemand ins käferverseuchte Ger wollte) genossen auch unsere Vegetarier das BBQ, dem Lebenslauf der glücklichen Ziege sei Dank. Ich muss sicher nicht erwähnen, dass der Sternenhimmel natürlich wieder atemberaubend schön war.
Vor den Mauern von Karakorum fiel der Abschied nach 5 gemeinsamen Tagen erstaunlich schwer. Kurz vorher hatten Eva und ich noch erfahren, dass Ashlea ein Jahr in Nepal gelebt hat ... ihre Reisetipps für eines unserer nächsten Ziele haben wir natürlich aufgesaugt wie ein Schwamm. Der Rest der Gang machte sich auf den Weg zum letzten Ger Camp. Die Erwartungen waren nicht mehr hoch, eine Stunde gemütlich auf 'nem Gaul die Gegend abklappern stand als letzter Punkt auf dem Programm. Beim Beziehen des Gers fielen uns sofort zwei Dinge auf. Erstens: keine Käfer. Zweitens: Kinder, die mit einem Volleyball spielten … ich wiederhole: ein Volleyball. Von den Kindern wurde man fast schon gezwungen mitzuspielen. Zwingen musste uns dazu niemand: dafür hat es zu sehr in den Fingern gejuckt.

Das Battle war kurz aber intensiv. Als die Kinder dann das große Springseil rausholten war ich raus, man soll die alten Knochen nicht zu sehr strapazieren. Statt dessen wurde nun mit den Mittelfußknochen von Ziegen oder Schafen eine Art Würfelspiel gezockt. Lernen durch Wiederholung heißt es so schön: das Wort "Teg" habe ich nun bis zum Abwinken geübt. Es bedeutet "Null" und stellt meine ungemeine Würfelschwäche dar. Erst als Eva für mich übernahm steuerte unsere Spielfigur vom abgeschlagenen letzten Platz auf den "fast-nicht-mehr-letzten" Platz zu. Der Ruf zum Reiten beendete das Trauerspiel. Eine weitere Gruppe war heute ebenfalls im Camp zu Gast und kam bereits aus der Ferne im Schritttempo angeschlichen.

Soshy und Eva zeigten ihre Reiterfahrung, Laura und ich wurden erstmal angeleint. Irgendwie wollte unser Herdenführer mit uns kommunizieren, geklappt hat das nur so mittel:
Das wir auch mal etwas schneller unterwegs waren zeigt der kurze Zusammenschnitt am Ende dieses Beitrags. Nach diesem flottem Ritt haben wir erfahren, dass in der Gruppe, die vor uns reiten durfte ein Passagier unfreiwillig vom Pferd gestolpert ist, was die Erklärung für den lahmen Einmarsch ins Camp lieferte. Den ausgeflippten Steppen-Cowboy hat das anscheinend nicht die Bohne interessiert. Gleich mit der zweiten Gruppe pflügte der sofort wieder im Galopp übers Land. So sind sie halt … die Mongolen. Diese Nummer war mindestens so spektakulär wie der Abend auf der Düne, vor allem weil der Spaß so unerwartet kam. Am Abend wurden nochmal die Heldengeschichten mit unserem Guide Zaya besprochen. Die letzten offenen Fragen zur korrekten Aussprache wurden ebenfalls geklärt und erfreuten Evas und mein Zwerchfell.
Erneut stand nun ein Abschied an: Für uns geht es weiter nach China, Soshy und Laura zieht es in die Gegenrichtung nach Russland. Die beiden verrückten Hühner werden wir schon vermissen. Die ganze Tour war eine sensationelle Erfahrung, was neben den Erlebnissen vor allem an den tollen Bekanntschaften lag. Wir werden auf unserer weiteren Reise sicherlich immer wieder Weggefährten für kürzere oder längere Zeiträume haben. Die Messlatte liegt nun schon ziemlich hoch.
Werden wir die Mongolei noch einmal besuchen? Ja ... Voll ![]()
Da wir diesmal auch ein paar Videos aufgenommen haben hier mal der laienhafte Versuch einer filmischen Zusammenfassung:
Fotos gab's natürlich auch reichlich. Nach mehrmaligem Aussortieren sind nun die Folgenden übrig geblieben:

Kommentare
Das ist ja verrückt. Naja, die rote Linie sollte theoretisch aktuell sein, hängt aber auch immer ein paar Tage hinterher. Mittlerweile sind wir in Huangshan und kraxeln tausende von Treppen zu den Gelben Bergen hoch
Bis Mitte nächsten Jahres wollen wir unterwegs sein. Nach China ist erstmal Nepal dran
habe von Deiner Reise gehört. Super Sache.
Zeigt mir die rote Linie, wo Ihr gerade seid? Das wäre dann wohl Shanghai.. Lustig, ich fliege morgen nach Hangzhou, das ist ja nur ein Katzensprung von dort.
Wie lange soll denn Eure Reise gehen?
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