Die Stadt Guilin wurde für uns eigentlich nur zur Durchgangsstation, da wir sowohl die Reisterrassen im nördlichen Umland als auch die Region um den Li River im Süden erleben wollten. Somit blieb uns in Guilin nur ein Abend zu Beginn und ein kompletter Tag am Ende unseres Aufenthalts. Dass die Stadt es definitiv Wert gewesen wäre länger zu bleiben hatten wir so nicht geahnt. Aber unsere Zugtickets waren bereits gebucht und auch der Weiterflug nach Nepal stand zeitlich fest.
Am Bahnhof in Guilin angekommen mussten wir erstmals ohne eine U-Bahn auskommen. Das waren wir gar nicht mehr gewohnt und vermissten den Komfort der Metro-App. Den richtigen Bus zu finden gestaltete sich ernsthaft schwierig, da es zwar viele verschiedene Bushalteplätze neben dem Bahnhof gibt aber keinen (für uns lesbaren) Fahrplan. Die umstehenden Taxifahrer waren auch keine große Hilfe. Da sich der Bahnhof knapp 12km außerhalb des Stadtzentrums befindet kam laufen diesmal auch nicht in Frage, immerhin war es bereits kurz nach 21 Uhr. Beim "Gespräch" am Zug-Ticketschalter erhaschten wir als einzig bekanntes Wort: "hundred". Und tatsächlich stellte sich das als Busnummer heraus, mit der wir dann tatsächlich die richtige Haltestelle gefunden hatten (natürlich ganz woanders als wir gesucht hatten). Für 2 Yuan (26 Cent) ging's spottbillig Richtung Hostel.
Wir haben uns mittlerweile angewöhnt eigentlich immer die billigste Variante eines Zimmers zu buchen. Doppel- oder Einzelbetten? Ist uns egal. Kein Fenster? Auch wurscht. Gemeinschaftsbad? Wir sind doch gesellig. Hin und wieder hat man etwas Glück und bekommt ein Room-Upgrade. So auch hier im Ease Youth Hostel: Statt der fensterlosen Buchte gab es das Panoramafenster mit Blick auf den "Peach Blossom River" … für den gleichen Preis 😊 Da die Zimmer modern, sauber und günstig waren buchten wir direkt für unseren zweiten Aufenthalt knapp eine Woche später noch einmal hier. Und soviel sei vorweg genommen: Auch hier gab es das Room-Upgrade, welches wir mit breitem, stummen Grinsen entgegen nahmen. Noch am Abend schlenderten wir zu den Uferpromenaden und waren etwas geflasht von dem Lichtermeer, das sich vor uns ausbreitete. Die Guiliner sind wahre Meister im Beleuchten von Bäumen, Wasser und Uferbereichen. In einer kleinen Sitzecke spielte ein Altherrenduett mit Percussions und Mundharmonika fetzige Rhythmen und wir ließen den Abend gemütlich ausklingen.


Mit dem Bus, den uns das Ease Hostel organisiert hatte, ging es dann in den Norden zu den Reisterrassen von Longsheng. Wir hatten ein Hostel in dem etwas weniger bekannten Örtchen Dazhai genauer gesagt Tiántouzhài gebucht. Der Bus schmiss uns also in Dazhai raus, wir schulterten unsere Habseligkeiten und los ging die 40 minütige Wanderung zum Dragon's Den Hostel. Es war heiß, es war steil, es war anstrengend. Aber bereits nach knapp einer halben Stunde sahen wir unsere Unterkunft direkt am Hang. Ein sehr befriedigendes Gefühl die letzten Steinstufen durch die Reisterrassen zu erklimmen und direkt im Eingangsbereich des Hostels anzukommen.


Ein Room-Upgrade war hier übrigens nicht notwendig, da es ausschließlich Zimmer mit "Terrassenblick" zu buchen gab. Das war dann in der Holzhütte aber auch schon der einzige Luxus. Die Einrichtung ist eher urig rustikal, wie man am Teppich im oberen Bild erkennen kann.
Hier fährt übrigens kein Auto, kein Moped, nicht einmal ein Fahrrad. Der gesamte Ort ist in den Hang hineingebaut, die einzelnen Häuser erreicht man über schmale Wege und (natürlich) Stufen. Erst später erfuhren wir, dass doch eine Straße in den nördlichen Teil des Ortes führte, von wo aus wir zumindest unsere Rückreise organisieren konnten. Den Abend ließen wir mit einer lokalen Spezialität ausklingen ... in Bambusrohr gebackenen Reis. Natürlich alles mit einer wahnsinnigen Aussicht.

Das typische Bild der bewässerten Terrassen kann man nur im Sommer erleben, wir waren also kurz vor der Reisernte da. Der Name unseres Hostels Dragon's Den und der gesamten Region Longsheng (Dragon's Backbone) bezeichnet die optische Ähnlichkeit der Terrassen mit dem geschuppten Rücken eines Drachen.

Die Nachteile einer Unterkunft, die komplett aus Holz gebaut wurde: Es ist hellhörig und hier und da auch etwas "offen". Anscheinend nutzte ein schlauer Flug-Gedöhns-Viehzeug-Käfer seine Chance, enterte unseren Raum direkt durch ein Loch über unseren Betten und ließ sich mit lautem Klack zwischen Evas und meinem Kopf in die Besucherritze fallen. Der Schreck war bei allen Beteiligten erstmal groß, doch nur der knapp 7 cm große Störenfried sollte diesen Begegnung mit seinem Leben bezahlen. Gebucht hatten wir ja eh nur für zwei.
Die Hellhörigkeit des Zimmers bewies uns dann ein laut streitendes Pärchen, das sich allerlei Schimpftiraden an den Kopf knallte. Wie sollte es anders sein saßen die beiden Streithähne am Abend danach an unserem Tisch und "unterhielten" sich mit uns. Woher wir wussten, dass es die beiden waren? Oh da gab es gar keinen Zweifel. Er, ein weißrussischer Musiker der, wie er selbst sagt "hin und wieder zuviel trinkt", was seinem Schatzi nicht sooo gut gefällt. Schatzi war eine Chinesin, die aus ihrer Verachtung ihm gegenüber keinen Hehl machte. Im Grunde hat sie kein einziges Wort mit uns gewechselt, ihn die meiste Zeit angeblafft und am Handy rumgespielt. Als wir dem Kameraden etwas von unserem leckeren Reiswein ausgegeben haben, rechnete ich kurz damit von ihr gevierteilt zu werden. Ein schräges Paar, dass uns tatsächlich eher als wir eigentlich wollten zurück in unser Zimmer trieb.
Dabei hatte der Tag uns bereits Einiges abverlangt. Mit Maps.me und OSM, einer weiteren Trackingapp, die hauptsächlich für das Gelände spezialisiert ist plante ich eine kleine Wanderung zum Golden Buddha Peakview Point. Man hätte zwar auch einen direkten Weg gehen können aber ich entschied mich (keine Ursache, Eva
) für die lange Route, mit hoffentlich grandioser Aussicht. Wir hatten ja viel Zeit ... die wir aber auch brauchen sollten.


Zuerst durchquerten wir den Ort und hatten traumhafte Ausblicke auf die Hänge. Nachdem wir schließlich die letzten Häuser passierten wurde der Weg etwas ursprünglicher, aber trotzdem gut zu meistern. Naja, zumindest bis zum wohl fiesesten Wegweiser in dieser Region. Auf der App erkannte ich zwar, dass der eigentliche Weg rund 50m weiter oben auf dem Berg verlaufen sollte aber hey ... hin und wieder schwankt die Genauigkeit schon mal. Also ging es weiter durch Gestrüpp und Unterholz. Als wir den Lauf eines kleinen Baches fanden war klar: Wir müssten eigentlich nur das Flüsschen etwas hinauf kraxeln und sollten dann wieder auf der korrekten Route rauskommen. Ein richtiger Weg war hier nun schon nicht mehr zu erkennen. Vielmehr kletterten wir fleißig den kleinen Wasserfall hinauf. Fast eine Stunde und gefühlt 100 Blicke auf das Handy später hing ich bäuchlings auf einer glatten Steinwand. Unter mir der Fluss, über mir (nun auch noch bedorntes) Gestrüpp und neben mir ein riesiges Spinnennetz, dessen Erbauer wohl schon auf meinen nächsten Fehltritt wartete. Evas Frage ob es denn da weitergehe musste ich nun dann doch endgültig mit "nein" beantworten.

Ärgerlich, da der richtige Weg die ganze Zeit nur ein par Meter über uns sein musste. Aber hier siegte dann die Vernunft, wahrscheinlich 45 Minuten zu spät, aber immerhin. Wir drehten um und watschelten den kompletten Flusslauf wieder hinunter. Nass, dreckig und irgendwie unzufrieden erreichten wir dann wieder unseren freundlichen Wegweiser, der uns diesen ganzen Mist eingebrockt hatte.

OK, also statt nach rechts geht's hier nach oben. Wer nun glaubt dass der Rest des Weges das reine Zuckerschlecken werden würde, der irrt. Der Weg war zeitweise so zugewuchert, dass wir irgendwann bezweifelten noch am Golden Buddha Peak anzukommen. Auch die erhofften tollen Aussichten blieben uns verwehrt. Im Grunde war es mehr ein Dschungelabenteuer als ein entspanntes Reisterrassen-Spazieren. Irgendwann denkt man gar nicht mehr darüber nach, was für Krabbelzeug das hüfthohe Gras bewohnte, durch das wir wateten.

Dass eher der Weg das Ziel werden sollte war uns schon vorher klar, immerhin ist der Golden Buddha Peak mit seiner Seilbahn-Anbindung das typische Reiseziel für chinesische Tagestouristen. Eisbuden, Getränkestände und Kleide-dich-wie-eine-lokale-Minderheit-und-lass-dich-fotografieren-Shops prägen hier die Kulisse. Die vielen Schilder mit den Hinweisen, dass die Besucher doch bitte nicht IN die Reisterrassen latschen sollen, werden natürlich von Einigen gekonnt übersehen: Alles für das Foto. Dass man mit jedem Fußtritt den Lebensunterhalt der Einheimischen zertrampelt kommt manch Einem nicht in den Sinn.
Der Ausblick von hier ist nett, aber nicht zu vergleichen mit dem aus unserem Hostel-Fenster. Also traten wir ziemlich zügig den Heimweg an, diesmal logischerweise den kurzen Weg. Die müden Knochen ruhten wir noch etwas aus und erkundeten am Abend noch etwas die Umgebung.


Ob bei Tag oder Nacht, eines fällt in dieser Gegend besonders auf. Es wird gebaut, viel gebaut. Guesthouses, Pensionen und große Hotelkomplexe sprießen hier aus dem Boden. Man kann natürlich verstehen, dass jeder etwas vom Kuchen des Tourismus abhaben möchte, aber in dieser Form hatten wir das nicht erwartet. Trotzdem bleiben für uns unvergessliche Ausblicke und ein paar auto- und mopedfreie Tage. Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Bus an Guilin vorbei in den Süden nach Yangshuo und von dort nach Xingping. Die umwerfende Karstlandschaft des Li Rivers kennt wohl jeder von den kitschigen Holzschnitten und hintergrundbeleuchteten Bildern im China-Restaurant um die Ecke.
