Nach den Städtetrips Peking und Shanghai wollten wir nun endlich Natur. Der Nationalpark Huangshan sollte dafür bestens geeignet sein, liegt er doch nur ein paar Stunden von Shanghai entfernt.

Die Zugfahrt nach Huangshan war kurz und landschaftlich eher unspektakulär. Interessant sind dabei am ehesten die unzähligen Hochhauswohnblöcke, die eigentlich auf der gesamten Strecke hochgezogen werden. Manche scheinen noch im Rohbau, halb fertig, einfach verlassen worden zu sein. Meistens sieht man aber mehrere, gleichartige Blöcke und unzählige Kräne. China scheint sich hier auf ein enormes Bevölkerungswachstum einstellen zu wollen. Auf der knapp 3-stündigen Fahrt sieht man fast kein unbebautes Land. Der Bahnhof in Huangshan ist dann noch grotesker als die beiden in Shanghai oder Peking: Fast menschenleer sind hier nicht nur die Bahnsteige, sondern auch der gesamte Bahnhofsbereich. Als wäre mitten im Nirgendwo ein riesiger, moderner Bahnhof gebaut, der nur von einer Handvoll Touristen genutzt wird. Zielsicher leiteten uns die Schilder durch die ausgestorbenen Hallen zum etwas abgelegenen Busbahnhof. Da anscheinend eh kein Tourist direkt nach Huangshan Stadt möchte verlief der Ticketkauf für die Fahrt nach Tangkou, dem wichtigsten Ort nahe dem Nationalpark, vollkommen entspannt. Genau wie die 45-minütige Fahrt selbst. Übrigens wird in chinesischen Bussen, mögen sie noch so voll und abgeranzt sein, immer darauf geachtet, dass sich jeder Passagier anschnallt. Manchmal steigt kurz nach Abfahrt ein, anscheinend speziell geschulter Anschnallexperte zu, dessen einzige Aufgabe es ist den Gurtstatus jedes Reisenden zu prüfen. Hat er seine Aufgabe erfüllt verschwindet der Uniformierte dann oft wieder direkt während der (zugegebenermaßen langsamen) Fahrt. Diesmal hatten wir einen wirklich luxeriösen Bus ohne besagten Experten erwischt. Dafür ertönte ein nerviges Piepgeräusch genau dort wo der Anschnallverweigerer sitzt. Bereits die 10-minütige Wartezeit bis zur Abfahrt nervten uns alle anwesenden Chinesen mit einem ohrenbetäubenden Piepskonzert. Irgendwie scheint Lautstärke Chinesen nicht wirklich zu stören. Diese Erkenntnis sollte uns alsbald wieder einholen.

Die Stadt Tangkou ist im Grunde nicht der Rede wert; Ein kleiner Ort mit Restaurants und ein paar Hotels. Unser Hostel lag bestens in der Stadtmitte, die Bushaltestelle eher weniger. Die Sonne prasselte unerbitterlich, die 3,5 km erliefen wir trotzdem ohne größere Schwierigkeiten. Kurz vor dem Ziel erwartete uns schon mal ein Vorgeschmack auf das wunderschöne Gebirge.

 

Das Kunlun Hostel stellte sich als kleiner Schatz heraus und wir hatten zum ersten Mal das Gefühl wirklich in einem Youth-Hostel unterzukommen. Schräg, wild, exotisch, chaotisch aber sehr liebevoll eingerichtet und am Empfang erwartete uns die Hausherrin mit hervorragenden Englischkenntnissen.

Am nächsten Tag gings also rauf auf den Berg. Die Recherche ergab, dass man das Bergmassiv natürlich über tausende von Stufen zu Fuß erklimmen könnte. Da die Kraxelei aber oben weitergeht ist das keine gute Idee. Zum Glück haben die Chinesen für dieses Problem ein Zauberwort: Cable Car. Die Seilbahn, die wir noch an der Großen Mauer verschmäht haben wird uns hier, aber auch an den folgenden Stationen ein treues Verkehrsmittel sein. Die knapp 10€ pro Person waren definitiv gut angelegtes Geld. Denn es wurden nicht nur unsere Füße geschont, der Ausblick auf die tatsächlich gelblich leuchtenden Berge ist atemberaubend. Unter der Gondel der dichte Wald, links und rechts die schroffen Felswände. Man fühlt sich wie in Jurassic Park und wartet förmlich nur darauf, dass plötzlich ein Dinokopf aus dem grünen Dickicht unter der Gondel auftaucht.

Oben angekommen erschlägt einen erstmal die Masse an Menschen. Gerade in den Bereichen, wo es Getränke, Futter und Spiddelkram zu kaufen gibt (ja, das gibt es tatsächlich hoch oben in den Bergen) stapeln sich chinesische Touristen. Meist in großen Reisegruppen unterwegs wird geschrien, wild mit der Selfiestange hantiert und gern im Weg rumgestanden. Jede Reisegruppe folgt dabei einem Reiseführer, der mit Fähnchen und Megafon bewaffnet ist. Das Megafon wird dabei grundsätzlich immer benutzt, auch wenn die Gruppe nur aus zwei Leuten besteht, die dazu nicht mal einen Meter entfernt stehen. Und es wird geredet und geredet. Vielleicht wirkte der unaufhörliche Redefluss auf uns auch nur so extrem, da wir nichts verstanden. Aber die Megafone stehen tatsächlich keine Sekunde still. Das geht soweit, dass diese sogar in weiter Entfernung erschallen, was die Mystik dieser Landschaft schon etwas beeinträchtigt. Dazu kommt, dass anscheinend jeder 5. eine Musikbox am Daypack baumeln hat und jeden Umstehenden mit seiner Lieblingsmusik "begeistert". Identifizieren kann man die Mukke eh nicht, da sie sich mit der von mindestens 3 weiteren Wanderern überschneidet. Ja, ich gebe zu: Hier hatte ich meine ersten Wutmomente. Dass man an so einem tollen Ort nicht allein sein würde, ist vollkommen klar. Die kulturellen Unterschiede in der Art zu Reisen in allen Ehren, aber uns erschienen doch einige Aktionen extrem rücksichtslos. Mein persönliches Highlight: Kurz vor dem Erreichen des Lotuspeaks (links und rechts ging es steil hinab) standen wir minutenlang mitten auf den letzten Stufen. Der obere Aussichtspunkt erschien uns von unten aber gar nicht so voll. Tatsächlich wollte dort anscheinend jeder sein eigenes Foto mit der Gipfelfahne haben. Das veranlasste wiederum Einige auf der gefährlich engen Treppe zu drängeln oder sich vorbei zu quetschen. Naja, wir schafften es irgendwann doch noch ganz nach oben und genossen die wunderbare Aussicht … ohne Gipfelfahnenfoto.

Der Aufstieg auf den Lotuspeak ist übrigens nicht die Treppe rechts im Bild, sondern auf der linken Seite zu sehen. Und "ja", daneben geht es direkt den glatten Felsen runter wink

Auch wenn der Artikel bisher mit etwas Wut im Bauch verfasst wurde ziehen wir einen klare Trennung zwischen chinesischen Touristen und chinesischen Einheimischen. Von chinesischen Einheimischen können wir fast nur Gutes berichten. Auch ohne Englischkenntnisse wurde uns mit Händen und Füßen Wege beschrieben. Einige versuchten auch mit uns ins Gespräch zu kommen und wollten wissen wie uns China gefällt. Regelmäßig wurde uns Obst angeboten: Selbst der (ärmlich gekleidete) Bauer im Bus, der definitiv kein Englisch konnte, überreichte uns zwei seiner Mandarinen und hatte anscheinend keine Angst mit uns Touris auf diese Weise zu kommunizieren.

Nachdem wir den sagenhaften Blick vom Lotuspeak genossen hatten entschieden wir uns unseren ersten Tag hier abzuschließen und die restliche Zeit für den Abstieg zu nutzen. Und was soll ich sagen: ein Abstieg, der tags darauf einen solchen Muskelkater verursachen würde hatten wir nicht erwartet. Fast 3 Stunden treppab forderten Knie und Waden. Auch hier wunderten wir uns etwas über unsere chinesischen Mitabsteiger. Wer schon mal gesehen hat, wie eine junge Chinesin jede Stufe einzeln(!), rückwärts(!!), an den Wanderstock ihres Liebsten geklammert(!!!) in unsäglich langsamer Geschwindigkeit eine Treppe heruntersteigt reibt sich ungläubig die Augen. Der angesprochene Liebste massierte seiner Holden natürlich in der Pause fleißig die Waden. Wie lange die beiden für die gesamte Strecke benötigt hatten konnten wir nicht mal schätzen. Überhaupt hat sich uns der Eindruck vermittelt, dass hier anscheinend "hilfsbedürftige" Mädchen lieber gesehen werden als starke, selbstbewusste Frauen. Da wir uns mit der chinesischen Mentalität nicht so wirklich auskennen wirkte das für uns oft sehr befremdlich.

Nun will ich aber nicht schon wieder anfangen über unsere chinesischen Touristenfreunde zu lästern und beschäftige mich mal mit Tag zwei: Wir entschieden uns mit dem Bus etwas weiter östlich zu fahren und von dort wieder mit einem anderen Cable Car ins Gebirge zu kommen. Mit einer halbwegs brauchbaren Karte in den Händen versuchten wir uns an einem kleinen Rundweg, der nicht ganz so anstrengend war, wie der Lotuspeak am Vortag, aber immer noch einige Höhenmeter von uns erforderte. Was man links und rechts sieht haute uns regelmäßig aus den Latschen. Schroffe Felswände an denen die Fußwege teilweise wie drangepatscht wirkten. Immer wieder passierten uns Träger, die Lebensmittel zu den wenigen Hotels auf die Berge schleppten. Unglaublich, laut Google-Suche tragen diese Menschen mit einer einfachen Holzstange bis zu 40 kg … pro Seite. Man schaut in das Gesicht des Trägers und kann direkt ablesen, wie enorm belastend diese Arbeit ist. Und das machen die hier jeden Tag, alles für die zahlende Kundschaft.

Der Rundweg schloss die Fahrt mit einer Monorail ein, die wir weniger spektakulär fanden aber uns vor erneut 3 Stunden Treppensteigen bewahrte. Mit dem Cable Car ging es dann auch schon wieder runter vom Berg, ab ins Hostel … erstmal die alten Knochen ausruhen. Am nächsten Tag wollten wir schon wieder zum nächsten Nationalpark weiterreisen: Zangjiajie. Mit schmerzenden Körpern, zweifelten wir nun etwas an unserem Planungsgeschick. Sollte das doch direkt wieder ein berg- und somit kletterlastiges Erlebnis werden. Naja, die Zugtickets waren gekauft, also gab es nun eh kein zurück mehr. Außerdem: Wer würde nicht mal gern die Berge aus dem Avatar Film in Natura sehen wollen.

 

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