Von Nepal nach Myanmar brauchte unser Flieger nahezu genauso lang wie ein Flug aus Deutschland. Der Grund ist einfach: zuerst ging es bis zur Südspitze Malaysias um dann von Kuala Lumpur wieder nach Norden zu fliegen. Ziemlich sinnlos, ziemlich lang, dafür aber günstig.

Die Nacht verbrachten wir also auf einer Bank auf dem Transit-Flughafen. Erstaunlich ausgeruht erreichten wir Yangon in den frühen Morgenstunden. Was hier zuerst auffiel sind die in Röcke gekleideten Männer und Frauen mit blassgelber Farbe auf Wangen und Stirn. Myanmar, das seine Grenzen der Welt erst vor ein paar Jahren geöffnet hat, entfaltet gleich in diesem ersten Augenblick eine unbekannte, exotische Atmosphäre.

Auf unseren ersten Streifzügen durch die lebhaften Straßen entdeckten wir so viel Neues wie kaum auf unserer bisherigen Reise. Die Wickelröcke der Männer, hier Longyis genannt, gehören zum normalen Erscheinungsbild und werden meist mit einem einfachen Hemd kombiniert. Die blassgelbe Farbe auf den Gesichtern der Damen erwies sich als Thanakapaste. Die soll vor der Sonne schützen, einen schönen Taint machen und wird oft kunstvoll aufgetragen. Im Laufe unserer Rundreise sollte auch uns die gelbe Farbe ins Gesicht geklatscht werden. Ebenso durften wir die "luftige Freiheit" des Wickelrocks selbt spüren, mit dem man sich hier auch als Mann nicht albern vorkommt.

Das Viertel rund um unser Hostel war geprägt von kleinen und großen Garküchen, herkömmliche Restaurants dagegen fanden wir nur wenige. Das gesamte kulinarische Leben spielt sich hier auf der Straße ab. Gemeinsam sitzt man auf kleinen Kinderplastikstühlen beim Essen zusammen. Zwei große Schüsseln mit Nudelsuppe und Wachteleiern waren unsere erste Errungenschaft in diesem Land - inklusive Getränke für gerade mal 3,30€. Aufgrund der wenigen Touristen wurden wir hier natürlich ständig beäugt. Trotzdem war es selten unangenehm, da unser Lächeln zumeist erwidert wurde.

Das Land der Pagoden hat seinen Namen nicht von ungefähr und in den nächsten 3 Wochen sollten wir unzählige dieser Tempel besuchen. Die Sule-Pagode war die erste, die wir von innen sahen und blieb dadurch stärker im Gedächtnis als manch andere. Vor dem Betreten hieß es Schuhe aus und Schultern und Knie bedecken, für Eva gab es hier bereits das erste Mal einen Ausleih-Longyi. Im Inneren der Tempelanlage fanden wir uns direkt im Smalltalk mit einem Einheimischen wieder. Er erklärte uns einige wissenswerte Zusammenhänge und führte uns durch den runden Innenhof. Unser Weg führte uns dabei auch vorbei an riesigen knallroten Schildern, auf denen vor inoffiziellen Guides gewarnt wurde. Spätestens hier wussten wir: ok, er macht das nicht aus reiner Nettigkeit. Am Ende der "Tour" gab er uns zu verstehen, dass wir seinen Aufwand mit einer kleinen Spende würdigen könnten. Inoffiziell hin oder her, er hatte das eigentlich ganz gut gemacht und wir waren einverstanden. Etwas unverschämt wurde es dann trotzdem, als seine Vorstellung einer kleinen Spende mit unserer kollidierte. Mit 5€ musste er aber dann zufrieden sein, mehr gab es nicht und grundsätzlich empfanden wir den Preis dafür sehr fair.

Für die ersten Nächte in Yangon hatten wir ein gemütliches, fensterloses 3-Bett-Zimmer gebucht. Die kaputte Klimaanlage sorgte über unseren kompletten Aufenthalt für eine wohlig warme Stimmung und ließ uns bereits in der ersten Nacht etwas unruhig schlafen. Etwas gerädert starteten wir in den Tag, ab dem wir für die nächsten 3 Wochen nicht mehr allein unterwegs sein sollten. Für den Vormittag entschieden Eva und ich, eine kleine Rundfahrt mit dem Zug in die Randbereiche von Yangon zu unternehmen. In einigen Reiseberichten hatten wir gelesen, dass man für knapp 30 Cent in Yangon einsteigt, knapp 3 Stunden rumtuckelt und an der selben Stelle wieder aussteigt. Damit wollten wir uns die Zeit bis Alex' Ankunft vertreiben. Das Zugfenster gab den ungeschönten Blick auf das arme Myanmar Preis. Notdürftig zusammengeschusterte Holzüberdachungen bieten Unterkunft für die ganze Familie. Hin und wieder meint man: da kann doch keiner ernsthaft wohnen. Um dann, kurze Zeit später noch das Bein eines schlafenden Menschen mitten in der finsteren Barracke zu entdecken. Der Müll, in dem diese Menschen leben, rundet das Bild dieser ärmlichen Bevölkerung ab. Wir beobachteten neben dieser bedrückenden Aussicht auch unheimlich viele Gleisarbeiter, ein Großteil davon weiblich und jung. Ob regulärer Job oder Freiwilligendienst wie im Kleingartenverein konnten wir nicht abschließend klären.

Während wir uns so unsere Gedanken machten sprach uns plötzlich ein junges britisches Pärchen an und fragte wohin dieser Zug denn fahren würde. Sinngemäß antworteten wir: "Na heißt doch Circle Line, fährt ja wohl im Kreis, wa?". Die Antwort der Beiden, dass wir dann eigentlich mal hätten abbiegen müssen stellte sich nach Überprüfung auf Maps.me als korrekt dar. Zack, nutzten wir alle die nächste Haltestelle und fragten den dort anwesenden Bahnmitarbeiter wann der nächste Zug zurück nach Yangon fahren würde. Antwort: es gibt keinen. Anscheinend werden Gleise gebaut, sodass die Circle Line keine mehr ist, Rückweg per Zug ausgeschlossen. Eva und ich versuchten bereits einen geeigneten Bus zu googeln als Dan und Be (Bernadette) uns bereits zu ihrem bestellten Taxi riefen. Nun hatten wir knapp eine dreiviertel Stunde Zeit, um die beiden nach ihrem Zaubertrick auszufragen. Der nannte sich "Grab" ist eine Taxi-Minivan-TukTuk-alles-was-Räder-hat-App und funktioniert tatsächlich sogar im Umland von Myanmar. Man bekommt für die gewünschte Tour einen fairen Fixpreis angezeigt, der praktischerweise direkt vom angegebenen Konto abgebucht wird. Nach der Fahrt kann man dem Fahrer noch ein kleines Trinkgeld zukommen lassen, alles online. Da uns diese App in fast allen folgenden Ländern vor nervigem Herumgefeilsche mit unverschämten Taxi- oder Tuk-Tuk Fahrern bewahren sollte, hat sich dieser Ausflug mit der Circle Line am Ende doch gelohnt.

Knapp 9$ (für das ganze Quartett) später verabschiedeten wir uns von unseren Rettern und gingen ganz gemütlich zur Bushaltestelle, wo wir die mittlerweile gelandete Alex abholen wollten. Freudig empfingen wir der Reihe nach: Alex, ihren viel zu großen Rucksack, ihr Daypack und ihren Stoffbeutel wink und watschelten gemeinsam zum Hostel zurück.

Yangon macht es Südostasien-Neulingen wie uns nicht gerade einfach. Neben dem wilden Straßenverkehr sind es vor allem die Kakerlaken und Ratten, die in dunklen Seitenstraßen für einige Überraschungsangriffe sorgten. Gerade die großen Käfer, die blitzartig direkt vor den eigenen Füßen den Gehweg kreuzen lösen regelmäßig Würgereflexe aus.

Was möchte man nach einem stundenlangen Flug gerne machen? Richtig, schlafen. Das gönnten wir Alex aber nicht. Nach einem leckeren Abendessen überredeten wir sie, am nächsten Morgen bereits um 4 Uhr aufzustehen und mit uns zur Shwedagon Pagode zu laufen. Sie ist die größte ihrer Art in Myanmar und soll gerade bei Sonnenaufgang einen unvergleichlichen Anblick bieten. Selbst in diesen frühen Morgenstunden war die Pagode gut besucht. Betende Menschen, Mönche und Nonnen beleben neben vereinzelten Touristen den weitläufigen Innenhof. Hier wird einem bewusst, dass die meisten Pagoden keine historischen Relikte einer längst vergangenen Epoche sind, sondern aktiv als Anbetungsstätte von jungen und alten Buddhisten genutzt werden. Man spürt hier förmlich den spirituellen Geist, auch wenn die Burmesen diesen oft mit einigen fragwürdig, leuchtend-blinkenden Dekolichterketten torpedieren.

Nach der Rückkehr ins Hostel gab es sowohl das wohlverdiente Frühstück als auch eine weitere Mütze Schlaf. Der Abend klang mit einem Sonnenuntergang von einen Aussichtstum im Kandawgi-Park aus.

Da die strengen Parkregeln keine weiteren, für uns interessanten, Aktivitäten zuließen begaben wir uns wieder zurück in die belebten Straßen auf Futtersuche.

Die birmanischen Schriftzeichen sind wunderschön und erinnerten uns hin und wieder stark an den Landolt-Sehtest beim Optiker (Kreise mit Öffnungen).

Fündig wurden wir bei einem der vielen Anbieter für burmesisches BBQ. Die Hitze und die Fliegen, die die rohen Fleisch- und Fischspieße umgaben, musste man sich einfach wegdenken. Es schmeckte großartig und blieb auch tags darauf dort, wo es hingehörte.

Die grobe Planung der kommenden 3 Wochen ging erstaunlich einfach von der Hand. Mit der Ankunft von Betty (der Vierten im Bunde) hatten wir einen festen Termin in Mandalay ein paar Tage später. Somit ergaben sich einige Programmpunkte auf unserer Reiseroute von ganz allein. Also wollten wir keine Zeit mehr vertrödeln und verließen am folgenden Tag Yangon per Bus in Richtung Bago, einer kleinen Stadt nördlich von Yangon.

 

 

Kommentare   

0 #1 schulzi 2020-01-08 21:54
Du schreibst super, freue mich immer für Euch
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